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Köln: Monster meißeln, Kaiser lasern: Der Hüttenmeister und der Steinfraß

Köln : Monster meißeln, Kaiser lasern: Der Hüttenmeister und der Steinfraß

Eigentlich spricht Uwe Schäfer nicht gern darüber, aber manchmal stellt er sich vor, wie er als alter Mann mit seinen Enkeln zum Kölner Dom geht, auf eines der zahllosen Türmchen oder auf eine Statue zeigt und sagt: „Guckt mal, das hab ich gemacht!”

Vielleicht ist er dann sogar selbst als kleine Figur irgendwo verewigt, so wie sein Vorgänger mitten im gotischen Strebewerk auf einem steinernen Handy telefoniert. „Irgendwann werde ich vielleicht auch ein Stück Geschichte sein”, sagt der Meister der Dombauhütte und lächelt. Aber dann ist es, als habe er sich selbst bei einem zu sentimentalen Gedanken ertappt: „Schluss jetzt, so was liegt mir überhaupt nicht.”

Es ist wohl verzeihlich, dass jemand an diesem Arbeitsplatz zuweilen über die letzten Dinge des Lebens nachsinnt. Bezeichnenderweise kommen Schäfer diese Gedanken nicht in seinem nüchternen Büro, sondern hundert Meter über der Erde auf dem höchsten Gerüstumgang des Nordturms. „Hier geht nie einer hin”, sagt er in die Stille. Von so weit oben wirkt es, als sei Köln der Ton abgedreht worden - es ist still.

Der Kontrast zwischen Domplatte und Domspitze erstaunt Schäfer immer aufs Neue. „Manchmal hat man unten Windstille und hier Wind”, erzählt er. Auch bei Sturm ist er schon oft oben gewesen. Dann ging es immer um die Frage, ob die Domplatte abgesperrt werden musste, weil Steine hinabstürzen könnten. Wie ist das, bei Sturm auf dem Turm? Schäfer zuckt mit den Schultern. „Hier fliegt einem kein Dreck um die Ohren - dafür ist es zu hoch.”

Der Hüttenmeister schnippt eine Taubenfeder von einem Mauervorsprung, so wie ein Sammler von Antiquitäten einen Staubfussel von einem seiner kostbaren Sammelstücke entfernt. Der 40 Jahre alte Steinmetz hat den Traumjob seiner Zunft: Er organisiert unter Aufsicht der Dombaumeisterin die Instandhaltung der Kathedrale. „Jeder Steinmetz will mal im Kölner Dom arbeiten”, sagt er. „Hier Steinmetz zu sein, das ist so wie sechs Richtige im Lotto plus Jackpot plus Zusatzzahl.”

Von seinem 15. Lebensjahr an malte sich Schäfer aus, wie es wäre, in der Dombauhütte zu arbeiten. „Ich hab quasi am Dom gerüttelt und geschrien: "Ich will da rein!"” Zunächst schien es aussichtslos: „Hier geht ja niemand.” Die Stelle des Hüttenmeisters werde gar nur alle dreißig oder vierzig Jahre ausgeschrieben. „Aber dann war es eben wieder einmal so weit, und ich habe mich ganz normal beworben und bin genommen worden, was ich anfangs selbst nicht glauben konnte. Die Dombauhütte ist die größte in Deutschland, meines Wissens auch die größte in Europa und vielleicht in der Welt.”

Andererseits ist sie mit 60 Mitarbeitern auch wieder nur ein mittelständischer Handwerksbetrieb. „Für eine gewisse Zeit könnte ich auch 600 Leute beschäftigen”, sagt Schäfer. „Wir versuchen, mit dem Verfall Schritt zu halten. Unser größter Feind ist die Umweltverschmutzung, aber auch mit den Kriegsschäden werden wir noch Jahrzehnte zu tun haben.”

Die Bomber zielten im Durchschnitt nur auf 260 Meter genau - das war mehr als die gesamte Länge des Doms. 13 große Fliegerbomben ließen die Gewölbe teilweise einstürzen und zahlreiche Türme zu Bruch gehen. Am Hauptportal wurde ein großes Loch gerissen, das nach dem Krieg zunächst notdürftig mit einer Ziegelstein-Plombe ausgebessert wurde. „Allein das Ersetzen der Domplombe entsprach vom Arbeitsaufwand her dem Bau einer Dorfkirche”, sagt Schäfer. „Aber im Dom ist es ein Bröckchen, da verliert alles seine Dimension.”

Nicht nur Steinmetze, auch Bildhauer und Restauratoren, Schmiede und Glasmaler arbeiten in den Werkstätten an der Südseite des Doms. „Sie sind alle mit dem Dom verwachsen”, berichtet Schäfer, während er die Tür zur Bildhauerwerkstatt öffnet. Es ist, als täte sich das Labor von Doktor Frankenstein auf. Bis zur Decke stapeln sich Köpfe, Hände und Leiber. In der Ecke wartet ein überlebensgroßer König mit abgebrochener Hand still auf seine Verarztung, daneben mit einem Uringlas als Erkennungszeichen in der Hand der Heilige Pantaleon, Schutzpatron der Ärzte: Er hat ein Einschussloch in der Brust, eine noch immer unbehandelte Kriegsverletzung. An der Wand drängen sich schemenhafte Gestalten mit entstellten Gesichtern - Opfer des Steinfraßes, der Luftverschmutzung, die sie verwittern ließ.

Beherrscht wird der Raum von einem mächtigen Fabelwesen mit Wolfsgesicht, Teufelshörnen, Bärenklauen und Drachenflügeln, das geradewegs einem Gemälde des Höllenmalers Hieronymus Bosch entsprungen sein könnte. Es ist das Gipsmodell für einen Wasserspeier vom Domdach, der ersetzt werden muss. Der Bildhauer Michael Oster ist gerade dabei, ihn nach dem Gipsvorbild aus einem Block Basaltlava zu meißeln - keine angenehme Arbeit: „Wenn da Splitter abgehen, hat man die in der Stirn stehen.” Für künstlerische Selbstverwirklichung bleibt wenig Raum. „Einen Michelangelo könnten wir hier nicht brauchen”, sagt Schäfer. Wenn wie in diesem Fall eine Statue ausgetauscht wird, dann geht es darum, das Original möglichst genau nachzuempfinden.

Allerdings gibt es kleine Freiheiten, die Oster zu nutzen versteht. Der dämonische Wasserspeier ist so verwittert, dass vieles gar nicht mehr zu erkennen ist - und da ist dann Fantasie gefragt. „Wenn wir nicht mehr wissen, was da vorher war, saug ich mir was aus den Fingern”, sagt Oster. „Ich hab mir zum Beispiel gedacht, ich mach dem mal ein paar Koteletten, und jetzt hat er diesen schicken Backenbart hier. Das ist das Schöne an den Wasserspeiern: Die Ikonographie ist nicht so festgelegt. Das sind einfach Zwitterwesen, die Eindruck machen sollten oder gut aussehen mussten, wenn Wasser aus dem Maul schießt.”

In einer Zeit, in der kaum jemand lesen konnte, benutzte die Kirche eine Bildersprache, die damals jedem geläufig war. Die Dämonen sollten zum einen abschreckend wirken, nach dem Motto: Finger weg - hier ist eine höhere Macht! „Und dann gab es den Gedanken: Die Kirche ist so mächtig, die lässt sogar Dämonen für sich arbeiten, nämlich Regenwasser abführen.” An einem einzigen Wasserspeier - der im Gesamtkunstwerk Dom mit seinen Tausenden von Skulpturen später kaum auffallen wird - arbeitet Oster mehrere Monate. „Schon bei kleineren Figuren sitzt man manchmal einen Monat lang nur an der Frisur oder an einer Kettenstrumpfhose.”

Womit Oster morgens beginnt, hängt von seiner Tagesform ab: „Wenn man mal schlecht drauf ist, ballert man nur das grobe Zeug weg. Und wenn man gut drauf ist, kümmert man sich um die Feinarbeit, zum Beispiel um die Ohren.” Zwar steht den Bildhauern heute die Pressluftpistole zur Verfügung, um den Stein schneller abzuschlagen, aber ihr Hauptwerkzeug ist immer noch der Meißel, und an der Arbeitsweise hat sich seit den alten Ägyptern wenig geändert.

Zufrieden zeigt Uwe Schäfer zwei erneuerte Figuren: Der Heilige Franziskus wurde komplett ersetzt, Karl der Große erhielt eine Laserreinigung und einen neuen Reichsapfel, neue Hände und ein neues Schwert. Vor dem Waschgang verrußt wie ein Schornsteinfeger, erstrahlt er jetzt wieder genauso hell wie einst der ganze Dom aussah.

Als nächstes muss Schäfer aufs Dach. Die Mitarbeiter der Hütte haben den Dom in ein Koordinatensystem unterteilt und sagen, wenn sie irgendwohin gehen: „Ich bin mal eben im Westen bei H8.” Manchmal wird Schäfer gefragt, ob er im Dom auch betet. „Dann sag ich immer: "Ja, aber nur im Laufen." Zum Stehenbleiben hab ich keine Zeit.” Am Nordportal kommt er am Erzengel Michael mit dem Teufel vorbei - ein kurioses Paar: Der Teufel sieht aus wie ein Haribo-Männchen. Wie so viele besonders auffällige Figuren stammt er aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, als der damalige Dombaumeister Willy Weyres seinen Bildhauern bei der Gestaltung völlig freie Hand ließ. Damals wurden ganze Fußballmannschaften, Karnevalszüge und Politikerrunden auf den Dom verpflanzt. „Man muss das aus der damaligen Zeit begreifen, aber mit Gotik hatte es natürlich nichts mehr zu tun”, sagt Schäfer. „Heute würde hier keiner auf die Idee kommen, Frau Merkel auf dem Dom zu verewigen.”

Mit dem Lastenaufzug fährt Schäfer aufs Domdach und beginnt einen seiner vielen Rundgänge durch den Irrgarten der Fialen, Pfeiler und Laubkreuze. „Das ist wie wenn Sie daheim durch Ihr Haus gehen und alles inspizieren. Ich habe dafür einen richtigen Sowjetfeldstecher. Wichtig ist, dass man alles im Blick behält, dass man schon im Frühstadium entdeckt, wenn irgendwo ein Schaden entsteht. Die Leute fragen immer: "Wann sieht man den Dom denn mal ohne Gerüst?" Das wird hoffentlich nie der Fall sein, denn am Dom gibt es immer etwas zu reparieren, und ohne Gerüst kommt man da nun mal nicht hin.” Wie sagt der Kölner doch: Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter.

Für Schäfer lässt die Faszination auch mit den Jahren nicht nach. „Ich weiß schon: Wenn ich an meinem letzten Arbeitstag auf den Dom gehe, sehe ich wieder irgendwas, was mir vorher noch nicht aufgefallen ist.” Es geschieht auch nach wie vor, dass er von einem bestimmten Anblick so gefangen genommen wird, dass er plötzlich stehen bleibt, um das Bild auf sich wirken zu lassen.

Seine persönliche Lieblingsstelle im Dom befindet sich über dem Eingang zum Nordturm: Der Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner (1802-1861) ist dort als mittelalterlicher Baumeister dargestellt. „Das ist ganz toll gearbeitet.” In der Nähe liegt die Modellkammer des Doms, in der auf mehreren Etagen alte verwitterte Figuren und alle Gipsmodelle für die Neuanfertigungen gelagert werden.

„Wenn eine Figur nach dreihundert Jahren wieder kaputt ist, kann man da nachsehen, wie man sie gemacht hat”, erklärt der Hüttenmeister. „Wir denken hier in etwas anderen Zeitabständen. Zehn Jahre sind für den Dom ein Wimpernschlag, selbst hundert Jahre sind nicht viel. Wenn wir irgendwo am Dom ein Gerüst aufbauen, dann wollen wir die Sachen so restaurieren, dass man da die nächsten zweihundert Jahre nicht mehr ran muss. Was ist hier schon ein Menschenleben? Wer für den Dom arbeitet, nimmt sich selbst nicht mehr so wichtig.”