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Aachen: Molières „Menschenfeind“: Armer Tropf trifft moderne Frau

Aachen : Molières „Menschenfeind“: Armer Tropf trifft moderne Frau

Es ist ja so eine Sache mit Molières „Der Menschenfeind“. Es gibt nicht richtig viel zu lachen in dieser Komödie über einen Mann, der allen anderen permanent mit der „Wahrheit“ vor den Kopf stößt. Und eine rein moralisch-soziologische (Dekadenz! Oberflächlichkeit!) oder philosophische (Was ist das schon: Wahrheit?) Lesart kann das nun auch schon 350 Jahre alte Stück nicht nachhaltig wiederbeleben.

Molières feine Gesellschaft findet sich in einem Club wieder, den Sandra Fox als spitz zulaufende, schwarze Höhle auf die Bühne gesetzt hat. Die Technobeats wummern, das Licht ist schummerig, das Partyvolk glitzert (Kostüme: ebenfalls Sandra Fox). Und mittendrin der tragikomische Held: Alceste, ganz in Schwarz ein Fremdkörper in dieser Welt, in die es ihn trotzdem zieht — auch, weil er aus seiner Rolle letztlich Bestätigung zieht.

Torsten Borm liefert die Studie eines nicht sonderlich sympathischen Intellektuellen, der zwischen arroganter, selbstverliebter Prinzipienreiterei und echter Verzweiflung ob dieser geistlosen, verlogenen Welt hin und her pendelt und der auch nicht davor zurückschreckt, seinen pragmatischen Freund Philinte (Tim Knapper mit Durchblick hinter seiner coolen Sonnenbrille) zu verprellen.

Alceste himmelt Célimène an — und beäugt sie eifersüchtig. Günther lässt diese High-Society-Queen im knappsten aller Partyluder-Fummel als eine durch und durch moderne, selbstbestimmte Frau über die Bühne stöckeln. Bei Katja Zinsmeister ist diese Charakterzeichnung in besten Händen. Mag sie Alceste auch lieben (warum auch immer) — das bedeutet noch lange nicht, dass sie sich von ihm oder irgendjemand sonst vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat. Die Oberflächlichkeit ihrer Umgebung (grandios gaga: Thomas Hamm und Philipp Manuel Rothkopf als zugedröhnte Partydeppen) ist ihr bewusst — das bedeutet aber nicht, dass man nicht mit ihnen die Nächte durchtanzen darf.

Zinsmeisters Célimène ist klug, frech und schlagfertig, im Umgang mit Alceste aber auch aufrichtig und liebevoll. Im Zickenkrieg mit der „alten Freundin“ Arsinoé (die Verschlagenheit in Person: Bettina Scheuritzel) behält sie spielend die Oberhand, den übergriffigen Möchtegern-Poeten Oronte (zuerst schleimig, dann hinterhältig: Rainer Krause) weist sie rigoros in die Schranken. Dass sie am Ende durch eine Intrige bloßgestellt wird: Was soll‘s? Einmal den Rücken durchstrecken, und das Leben geht weiter.

Diese Célimène ist das eigentliche Zentrum der Inszenierung. Günther greift dafür auf Hans Magnus Enzensbergers Übersetzung zurück, die dem Stück trotz Versmaß schon einiges an Staub von der Perücke pustet, und setzt auch sonst auf Aktualisierung — mit Smartphones und DJ-Set. Das funktioniert gut in dieser auf angenehme 90 Minuten eingedampften Version, die trotzdem an der ein oder anderen Stelle leichte Längen offenbart.

Am Ende steht Alceste mit Parka und Schlafsack allein da. Selbst der treue Philinte hat ihn verlassen, der mit Célimènes Cousine Eliante (Elke Borkenstein, wie immer herrlich ein Stück neben der Spur) nicht nur die Liebe zu Klaus Lage und anderen Party-Grausamkeiten teilt. Fast tut er einem leid, dieser arme Tropf. „Ich geh' jetzt“, sagt er mehrfach: tatsächlich ein Hilferuf, ob denn nicht jemand kommen möge, ihn davon abzuhalten. Doch dann geht das Licht aus.

Starker Beifall.