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Köln: Molières Meisterwerk „Der Menschenfeind” in Köln neu inszeniert

Köln : Molières Meisterwerk „Der Menschenfeind” in Köln neu inszeniert

Molières „Menschenfeind” überragt andere Meisterwerke der europäischen Dramenliteratur nicht zuletzt, weil er zeitlos scheint. Schon Goethe hat die Komödie gerühmt, „weil dasjenige vor Blick und Geist gebracht wird, was uns oft selbst zur Verzweiflung bringt und wie aus der Welt jagen möchte”.

Karin Henkel hat in ihrer Neuinszenierung den Fünfakter, der 1666 uraufgeführt wurde, in die Gegenwart verlegt. Die Damen tragen Abendkleider, die Herrn Smoking oder Dinnerjackett. Das Publikum war begeistert, der Beifall nach der Premiere am Freitagabend im voll besetzten Schauspielhaus in Köln wollte nicht enden.

Stefan Mayer hat ein abstraktes Bühnenbild entworfen. Der bedeutsamste Bestandteil ist ein Steg, der von der Rampe durch das Parkett bis zum 1. Rang führt. Oft durchqueren die Schauspieler auf ihm den Zuschauerraum, um so noch einmal die Nähe des Spiels zur Partygesellschaft von heute in Köln zu unterstreichen. Die glücklichste Entscheidung von Regisseurin Karin Henkel war es, der Kölner Spielfassung die Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens zugrunde zu legen.

Molières Sprachmeisterschaft ist bis heute unübertroffen. Er hat nicht nur Alexandriner geschrieben, sie haben auch noch Endreime. Die meisten Übersetzer begnügen sich mit der Bewahrung der Musikalität der Verse im Deutschen. Gosch und Wiens hingegen haben auch noch Endreime im Deutschen gefunden - so grundiert die Aufführung ein immenser, geistreicher Sprachwitz.

Allerdings werden weder Felix Goeser als Alceste, der Menschenfeind, noch Julia Wieninger in der Rolle seiner Angebeteten Célimène dieser Herausforderung gerecht - Goeser spielt Alceste allzu holzschnittartig, egoistisch und selbstgerecht, bei Alcestes heftigen Gefühlsausbrüchen bleibt die Verständlichkeit oft auf der Strecke - und Julia Wieninger treibt das Tempo vor allem bei der Auseinandersetzung Célimènes mit ihrer Rivalin Arsinoé akustisch ins Abseits.

Nur Angelika Richter als kluge, redliche Éliante meistert die Sprache, ihr Witz ist subtil und voller Esprit. Karin Henkel hingegen gleitet in ihrer Inszenierung zu gern ab ins Grobschlächtige, als sei Molières Komödie ein Schwank: Um den grundsätzlichen Dissens des Menschenfeindes zu kennzeichnen, tritt Felix Goeser oft in Unterhosen auf.

Auch der Schluss ist anfechtbar. Molière lässt ihn offen, Alceste droht, der Welt den Rücken zu kehren. Anders bei Karin Henkel: nachdem Célimène gedemütigt worden ist, verwandelt sie sich in eine Menschenfeindin, während Alceste seine Oppositionshaltung aufgibt. Als ob sein Unmut nichts sei als Ärger darüber, von den anderen zu wenig Anerkennung zu erhalten. Das ist zu leicht: die Gesellschaft, die Karin Henkel in ihrer Inszenierung - ganz in Übereinstimmung mit Molière - zeigt, hat so offensichtliche Schwächen, dass Kritik an ihrer Oberflächlichkeit und Heuchelei nicht nur berechtigt, sondern geradezu geboten erscheint.