Mörgens: Jakob Arnold inszeniert Georg Büchners Lenz

Premiere im Mörgens : Jakob Arnold inszeniert Georg Büchners Lenz

„Es war, als sei er doppelt und der eine Teil suchte den andern zu retten“, schreibt Georg Büchner über Jakob Michael Reinhold Lenz, als dessen Psychose schlimmer und schlimmer wird. Der junge Poet ist aus dem bürgerlichen Leben der Stadt in ein Dorf in den Vogesen geflohen, wo er versucht, den Wirrungen seines Geistes Herr zu werden.

Lenz Kampf gegen die eigene „Tollheit“ hat Jakob Arnold am Aachener Mörgens inszeniert.

Den „doppelten“ Lenz nimmt er dabei wörtlich: Simon Rußig und Ensemble-Neuling Julian Koechlin agieren, streng am Originaltext, beide als Erzähler, übernehmen in den szenischen Abschnitten des Textes die Rollen von Pfarrer Oberlin und Lenz’ Freund Christof Kaufmann und werfen sich abwechselnd in das Leid von Büchners Protagonisten.

Zu Beginn sitzen beide einander zugewandt in Korbstühlen (Bühne und Kostüm: Christian Blechschmidt), im bürgerlichen Gewand: weißes Hemd, weinroter Pullunder, braune Cordhose. Der Betrachter muss sich fast anstrengen, dem Doppel-Monolog zu folgen, so intim scheint der Raum, auf dem die beiden Schauspieler in Büchners Geschichte einsteigen. Beinah im Zwiegespräch entspinnt sich Lenz’ Flucht aus der Stadt in die Abgelegenheit bei Oberlin.

Dann folgt Lenz’ erster Anfall, und Rußig und Koechlin ziehen das Publikum ruckartig hinein ins Geschehen. Mit jedem Ausbruch von Lenz’ fortschreitender Krankheit ramponieren beide die eigene Kleidung und die des anderen mehr und mehr. Koechlin bleibt dabei der Gefasstere, hält über die Erzählerrolle stärker die Verbindung zum Publikum. Rußig lässt Lenz gänzlich den Verstand verlieren. Lenz springt aus dem Fenster, verletzt sich selbst, stürzt in den Brunnen. Rußig stellt das dar, indem er sich die Haare rauft, am Boden wälzt. Die Schizophrenie, die Büchner Lenz attestierte, scheint aus seinen Augen zu blitzen. Er entledigt sich Pullunder und Hemd. Koechlin reißt im das Unterhemd vom Leib, während es auf der Bühne düsterer wird.

Georg Büchner hat seine Novelle 1839 aus Lenz’ Tagebüchern und aus den Aufzeichnungen von Oberlin geformt und die psychischen Störungen seines Protagonisten analysiert. Aller Fürsorge des Pfarrers zum Trotz scheitert Lenz’ Versuch, seinen Wahn mit Hilfe des Rückzugs in die Natur und auf die Religion in Zaum zu halten. Büchners Text zeigt eine Sehnsucht nach der Natur, die heute ebenso aktuell ist wie vor 200 Jahren. Das Gleiche gilt für Lenz Krankheit. Arnolds Inszenierung und seine Darsteller, die von jetzt auf gleich von der gefassten Erzählung in die Verkörperung des Wahns wechseln, rufen das eindrucksvoll in Erinnerung.

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