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Aachen: Moderner Schwung für Kubas Tanzszene

Aachen : Moderner Schwung für Kubas Tanzszene

Sind es die verlockenden Rhythmen, die überall mitschwingen? Ist es die Liebenswürdigkeit der Menschen, ihre Lebensart, ihr Lächeln, verbunden mit dem Charme einer morbiden und zugleich sehr lebendigen Welt?

Die Leidenschaft für Kuba begleitet Rick Takvorian, Veranstaltungsleiter im Ludwig Forum Aachen, seit inzwischen zwölf Jahren. Jetzt gibt es eine neues Highlight.

Die Stiftung Ludwig hat offiziell ein Stipendium ins Leben gerufen, das es einem Choreographen oder einer Choreographin ermöglicht, mit einer kubanischen Truppe im Land sechs Wochen lang zu arbeiten, die Produktion dort aufzuführen und sie anschließend in Europa mit dem Start beim experimentell geprägten Tanzfestival „Schrittmacher” im Ludwig Forum vorzustellen.

Die Vorgeschichte zu dieser Entwicklung ist lang: „Es war die Biennale von Havanna, die wir 1993 erstmals nach Europa holten, ich kann mich gut erinnern”, erzählt Takvorian begeistert.

Kunstsammler Peter Ludwig hatte im Rahmen geschäftlicher Kontakte auch den dortigen Kunstmarkt und eine vitale Kulturszene entdeckt, die er in Aachen präsentierte.

Karten sind billig

Was macht bis heute die Magie Kubas aus? „Wenn man aus unserer Perspektive von Lateinamerika spricht, spielt speziell Kuba mit Havanna eine Schlüssselrolle. Für mich ist es das New York in diesem Teil der Welt”, schwärmt Takvorian.

„Das Land ist eine wahre Kultur-Bombe. Natürlich spürt man auch die Nähe zu den USA. Es ist ein sehr gebildetes, sehr kultiviertes Volk.”

Zur „positiven Seite des Sozialismus” gehöre die Tatsache, dass Eintrittskarten äußerst billig sing. „Die Theater sind stets brechend voll. Ich habe noch nie eine Veranstaltung erlebt, die nicht gut besucht war, ob nun das Nationalballett tanzte oder ob ich selbst einen Vortrag hielt. Im Leben dieser Menschen spielt die Kultur eine tragende Rolle.”

Dieser Meinung war auch das Sammlerehepaar Ludwig, das frühzeitig eine Stiftung in Havanna gründete. Bis heute ist hier unter der Präsidentschaft von Helmo Hernández die Fundacin Ludwig de Cuba aktiv.

„Für mich ist Hernández seit Jahren der wichtigste Kollege dort. Ihn umgibt meist ein Team meist sehr junger engagierter Leute”, beschreibt Takvorian einen Weg, den er zielbewusst gegangen ist. „Hier befindet sich die Schaltstelle für unsere kulturelle Zusammenarbeit.”

Immer wieder fand Kubanisches in den letzten Jahren den Weg nach Aachen. War es zunächst die bildende Kunst, kamen bald Musik und Tanz hinzu. „Irgendwann haben wir uns allerdings gefragt, ob das nicht etwas einseitig ist, ob es nicht sogar eine Form angenommen hat, die wir auf Dauer nicht zulassen dürfen, eine Art von Plünderung”, beschreibt der Veranstaltungsleiter einen Prozess der Annäherung. „Irgendwann mussten wir von hier aus in Kuba etwas einbringen.”

Der lebendige Kontakt zur Tanzszene bot hierzu den besten Ausgangspunkt. „Was man sich in Kuba wünscht, sind Impulse, alle dürsten nach Ideen, nach Entwicklung”, beschreibt Takvorian seine Erfahrungen. „Für mich war es besonders wichtig, einen ständigen Austausch zu etablieren.”

Das jetzige Projekt mit einem Etat von rund 10.000 Euro läuft insgesamt zwölf Monate und ist in seiner Komplexität alle zwei Jahre möglich. Wochenlang bereiste Takvorian die Insel, schaute sich alle Theater zwischen Havanna und Santiago an, lernte ungezählte Tanzgruppen kennen.

Man entschied sich schließlich für die Compagnie Danca Contemporania in Havanna und das dortige Nationaltheater. Samir Akika, in Frankreich lebender Algerier, der unter anderem bei Pina Bausch als Tänzer und Choreograph wirkte, wurde erster Stipendiat.

Sein Auftrag für Havanna? „Die Tanzszene hat auf die Möglichkeit gewartet, Anschluss an die Moderne zu finden. Es gibt eine ausgezeichnete, aber sehr traditionelle klassische Ausbildung.

Das Experiment, die Form von Ausdruckstanz, der auch andere Medien einbezieht, der sich am Leben der Menschen orientiert, war bisher nicht möglich.”

Samir Akika war damit der erste, der die Tänzerinnen und Tänzer improvisieren und erzählen ließ, der mit ihnen tänzerisch erzählte Geschichten aus der oft auch sehr harten Realität Kubas umsetzte.

„Es war unglaublich, was sich da in kürzester Zeit entwickelte, das Publikum war zum Teil sehr verblüfft. Die Tänzer durften sprechen, kamen mit einem Fahrrad oder mit dem Baby im Arm auf die Bühne und sorgten mutig für viele Überraschungen.”

Projektionen von Fotos, die Akika in Havannas Straßen aufgenommen hatte, boten für ein reales Bühnenbild. „Ein Wunder ist geschehen, als vor rund 2000 Gästen ,Najara uraufgeführt wurde. Der Applaus war euphorisch.”

Das Ganze hatte Folgen: Rick Takvorian wird in nächster Zeit fünf kompakte Seminare zur Entwicklung des modernen Tanzes geben, das Ganze wird aufgezeichnet und als Lehrstoff für alle Kulturschaffenden per Video im Land Verbreitung finden.

„Naraja” kommt vom 20. bis 22. Mai zum Schrittmacher-Festival ins Ludwig-Forum.