Aachen: Mitreißende Kostbarkeiten: Verdis „Rigoletto” im Theater Aachen

Aachen: Mitreißende Kostbarkeiten: Verdis „Rigoletto” im Theater Aachen

Leise, leise schmiegen sich die verglühenden Liebesseufzer der tödlich verwundeten Gilda und die innig ersterbende Verzweiflung ihres Vaters, Rigoletto, ineinander. Im Graben haucht das Orchester unter Marcus R. Bosch kostbare Klänge.

Und Michaela Maria Mayer findet ein letztes Mal jene betörend schöne Farbe ihres jungen Soprans, die so ungemein musikalisch mit dem nicht minder ausdrucksstarken Bariton von Igor Morosow verschmelzen kann.

In Ewa Teilmans´ Inszenierung am Theater Aachen begeistert Verdis Rigoletto besonders musikalisch. Ganz ausgezeichnet durchgehört und gestaltet sind die Duette, die Ensembles. Geradezu großartig singt und agiert der Männerchor, dessen anspruchsvolle Partie man selten so prägnant, so stark erlebt.

Alles nur Klischees

Was die Regiearbeit nicht für sich in Anspruch nehmen kann. Das Konzept der Regisseurin, der Bühnenbildnerin Elisabeth Pedross und der Kostümbildnerin Petra Bongard beschränkt sich auf Konventionelles, Klischees oder bleibt, wo es Ambitioniertes verkündet, nebulös - und das ganz wirklich.

Die schlichte Raumregie, die das handelnde und singende Personal fast immer vor nah an die Rampe gerückten Stellwänden in Szene setzt, dürfte kaum gehobene Anforderungen ans Beleuchtungspult stellen. Warum dann aber etwa die für den Verlauf der Oper entscheidenden Flüche des Grafen von Monterone kaum zu sehen sind, etliche Sänger offenbar versehentlich in Schwarze Löcher tappen, bleibt im Dunkel.

Das gilt auch für die Wirksamkeit des von der Regisseurin gleich zu Beginn gesetzten inszenatorischen Ausrufezeichens. Die wenigen Takte des dramatisch zugespitzten Fluch-Vorspiels nutzt Ewa Teilmans, in einem von Spiegeln verzerrten Kabinett zwei Männer zu zeigen: Rigoletto, den Buckligen, der verzweifelt seine Narren-Dienstkleidung gegen die Wand schleudert, und einen am Boden zerknirschten Herzog, der seinem Hofnarren schicksalhaft verbunden scheint.

Aus brüderlicher Umarmung begeben sie sich ins grausame Spiel, an dessen Ende beide ihr Liebstes verlieren werden: Gilda, Rigolettos Tochter. Leider jedoch erfährt der Zuschauer im Verlauf der folgenden zweieinhalb Stunden nichts mehr über diesen Aspekt der Geschichte. Vielmehr bleiben die Figuren seltsam unverbunden, von Kontur meistens nicht zu reden.

Yikun Chung als Herzog muss zwar ausgiebig an diversen Frauen herumfingern, man glaubt ihm seine Lüsternheit nie. Ebenso wenig wie die - vielleicht - echte Liebe zu Gilda, der Michaela Maria Mayers Spiel außer ängstlicher Unschuld kaum eine weitere Facette abgewinnt. Wenn die Sopranistin nicht so herrlich klingende Töne sänge, so musikalisch phrasierte, trotz erheblicher Nervosität ganz gewinnend Zartheit und Kraft ihres Instruments einsetzte - man müsste sich langweilen.

Ähnliches gilt für Chung, dessen Tenor tragfähig strahlt, auch wenn er bisweilen angestrengt ist. Einzig Igor Morosow gestaltet die Zerrissenheit der Rigoletto-Figur auch schauspielerisch beeindruckend.

Alle drei Hauptpartien verlangen Äußerstes von den Sängern, alle drei werden am Ende zu Recht gefeiert. Ins gute Ensemblebild fügen sich nahtlos auch die weniger bedeutende Partien, etwa der sehr präsente Pawel Lewreszuk als finsterer Sparafucile und als seine Schwester Madalena M?lanie Forgeron. Überzeugend als fluchender Graf: Woong-jo Choi.

An der Bühne und ihrer anfangs noch überraschenden Mechanik hat man sich bald satt gesehen. Ihr Charme steckt in der Funktionalität, aufgemalte barocke Stuck-Medaillons, ein italienischer Palazzo, ein ländliches Rührstück weisen wie die im Grunde konventionellen Kostüme, die gewollter Pikanterie halber ironisiert sind, ins weite Feld der Klischees. Eine Gilda im weißen Hängerchen oder (nach der „Schändung”) im festgezurrten Bettlaken ist nicht wirklich fantasievoll, tiefe Einblicke in die Dessous mancher Damen ebenso wenig.

Gleichwohl reißt dieser Rigoletto mit, die musikalischen Preziosen und Evergreens tragen durch den tragischen Premierenabend, dem auch die rund ums Theater herrschende karnevalistische Stimmung nichts anhaben konnte. Ausgiebiger Beifall im seit Wochen ausverkauften Haus.

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