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Aachen: Mit Schwung in die zweite Halbzeit

Aachen : Mit Schwung in die zweite Halbzeit

„Die Vorstellung war mehrfach so ausverkauft, dass wir tatsächlich Leute nach Hause schicken mussten”, sagt Michael Helle, Schauspieldirektor im Theater Aachen, nicht ohne Stolz über eine Inszenierung, die schon im Vorfeld für Spannung sorgte.

„Othello, Venedigs Neger”, das Schauspiel von William Shakespeare hat Helle nicht nur persönlich für das Große Haus inszeniert, er hat auch die sehr gegenwärtige Übersetzung von Werner Buhss gewählt.

Am Donnerstag, 24. Februar, heißt es um 19.30 Uhr Abschied nehmen von der bitteren Geschichte um die Wirkung von Intrigen und Vorurteilen, die den Weißen zum schwarzen Außenseiter werden ließen und damit auch viele junge Leute ins Theater gelockt hat.

Genau zur Halbzeit des Schauspiels in dieser Saison steht das Stück zum letzten Mal auf dem Spielplan - Anlass genug, einen kleinen Rückblick auf die bisherige Hälfte der Spielzeit zu werfen, nach deren Ablauf auch Helle zunächst von Aachen Abschied nehmen wird. „Aber ich komme später gern als Gast, doch daran denken wir alle noch nicht”, betont er. 13 Stücke mit einem 18-köpfigen Ensemble im Repertoire - das ist eine Leistung.

Mehr Abwechslung

„Das Publikum reagiert sehr gut, das bietet mehr Abwechslung, aber inzwischen gibt es schon ein paar technische Probleme bei der Lagerung der Ausstattungen.” Sein Konzept habe sich bewährt: Der modern inszenierten Klassiker „Iphigenie auf Tauris” von Johann Wolfgang Goethe prägte in den Kammerspielen den Start, über Gehart Hauptmann „Der Biberpelz” bis zu Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter” hat man sich in die Gegenwart bewegt.

„Und hier werden wir nun in der zweiten Hälfte auch bleiben”, so Helle, der „Biberpelz” auch unter dem arbeitspolitischen Aspekt sieht, wenn mit dem neuen Intendanten auch der Wechsel des Ensemble zu erwarten ist. „Das Stück liefert die Möglichkeit, den Schauspielern nochmals anständige Rollen zu geben, mit denen sie sich präsentieren können.”

Ein Erfolg, über den er sich freut, ist zudem das Märchen „Die verzauberten Brüder” mit 46 komplett ausgebuchten Vorstellungen. Spannend bleibt es im Schauspiel weiterhin, das „Don Karlos, Infant von Spanien” (Premiere 2. April) als Beitrag zum Schiller-Jahr einbezieht.

Entdeckungen wie die drei deutschen Erstaufführungen Peer Wittenbols „Kolostrum” (8. April, Kammerspiele), „Schutt” von Dennis Kelly (3. April, Mörgens) und „Fußbodenbelag” der russischen Brüder Presnjakow stellen sich dem Publikum. „Gerade dieses Stück verrät uns eine Menge über das Leben im heutigen Russland, zugleich ist es eine schräge Geschichte mit viel schwarzem Humor”, verrät Helle.

Drei Leute, die ohnehin schon allerhand zu verbergen haben, geben sich alle Mühe, ein Leiche verschwinden zu lassen. „Es ist wieder der Blick in ein anderes Land, den wir ja Spielzeit übergreifend pflegen”, so Helle. Er sieht das Stück in einer Linie mit „Roberto Zucco” von Bernard-Marie Koltès (2003) und „Balkan ist nicht tot” von Dejan Dukovski (2004). Internationales Flair soll zudem die Flandernwoche im Juni ins Theater bringen.

Und einen Genre-Wechsel leistet sich Helle in dieser Spielzeit gleichfalls noch: Am 12. März hat im Großen Haus seine Inszenierung von Mozarts Oper „Die Entführung aus den Serail” Premiere, wobei selbst hier (wie bei „Othello” und „Iphigenie auf Tauris”) das „Fremdsein” und die Reaktion auf Fremdes als „roter Faden” erkennbar sind.