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Mönchengladbach: Mit fetzigem Swing gegen die Katastrophe

Mönchengladbach : Mit fetzigem Swing gegen die Katastrophe

Das Theater in Mönchengladbach kämpft ums Überleben. Das von Intendant Jens Pesel geführte Dreispartenhaus, als Zweistädtetheater in über 50-jähriger Fusion mit Krefeld eh schon Sparmodell der Republik, soll, geht es nach dem Willen der CDU/FDP-Mehrheitsfraktion im Stadtrat, die aktuellen Tariferhöhungen im Öffentlichen Dienst aus eigener Kraft einsparen.

Es geht um rund 800.000 Euro, die Hälfte für jede Stadt. Dass das aus einem restlos verplanten Etat, der eh schon seit Jahren gedeckelt ist, nicht geht, leuchtet jedem Praktiker, aber nicht den Politkern der hoch verschuldeten Stadt ein. Die vorletzte Spielzeit des verdienstvollen Intendanten, in der zurzeit das Haus in Krefeld, im nächsten Jahr das in Mönchengladbach komplett saniert wird und man deshalb in Fabrikhallen ausweicht, steht unter einem denkbar schlechten Stern.

Da kommt „Swinging St. Pauli” gerade recht. Nach der trotzig bejubelten Premiere formulierte Pesel: „Dieser Abend zeigt, dass Spontaneität und Lebendigkeit sich auf Dauer nur schwer unterdrücken lassen”, und rief unverhohlen auf zum „Widerstand gegen Betonköpfe”. Wirklich will das Musical, das eine tragische Liebesgeschichte am Ende des 2. Weltkriegs erzählt, Hoffnung machen: Dass sich die (durchaus subversive) Energie des Swing-Bazillus nicht eindämmen lässt durch uniformierte Nazi-Schergen, die „undeutsch” im Munde führen und gern mal auf tanzwütige Abiturienten eindreschen.

Regisseur Reinhardt Friese, der zuletzt mit einem großartigen „Shockheaded Peter” und „Jesus Christ Superstar” für volle Häuser sorgte, inszeniert mit Sinn für die Qualitäten der 2001 von einem Team um den Musiker Martin Lingnau und den Autor Thomas Matschoß mit großem Erfolg herausgebrachten Vorlage. Gleich zu Beginn erschlägt einen förmlich die unbändige Energie, mit dem das Team von Musical-Spezialisten, Tänzern und hauseigenen Schauspielern auf der Bühne zur Sache geht: Eine zehnköpfige Live-Band röhrt so temperamentvoll und stilecht in Saxophone, Posaunen und was da noch so swingt, dass die Akteure in spektakulären Choreografien wie entfesselt wirken (Kostüme: Annette Mahlendorf).

Man ist in Leo´s Bar, die aus nichts weiter besteht als aus Türmen und Haufen von hölzernen Bierkisten mit dem eingebrannten Logo der Hamburger Biermarke Astra. Bühnenbildner Günter Hellweg fand das wohl originell, zumal er in Bühnenmitte die Kisten in Hakenkreuz-Grundriss auf eine Drehbühne stapelt, um Ortswechsel anzuzeigen. Im Saal allerdings sieht man davon nichts, es bietet sich mehr oder weniger das gleiche Bild: überall braune Kisten. Immerhin kann man drüberlaufen, durchschauen, sich verstecken oder damit werfen.

Über die Kisten tritt auch die Jüdin Emma auf, die sich verstecken muss vor den Nazis, die meist in Trupps, braununiformiert mit Hakenkreuzbinde und Reitstiefeln, Angst und Schrecken verbreiten. Emma entkommt, ihr Lover Max ebenfalls, alle mit knapper Not und nur, weil Leo sich opfert. Es gibt einen fiesen Nazi-Treter (Adrian Linke), einen noch fieseren Obersturmbannführer (Sven Seeburg), viele nette und naive Jugendliche, die sämtlich ausgezeichnet tanzen und passabel singen können. Stefan Diekmann ist gar in einem hinreißenden Strip zu sehen.

Die Musik funktioniert, ja, wenn Judith C. Jakob als Emma ihr Herzeleid singt, macht sich sogar Gänsehautfeeling breit. Frederik Leberle als ihr Freund Max kann dafür toll tanzen. Aus einem patenten Ensemble ragt Tobias Wessler (als Leo) heraus, der sogar bei ausgefallener Mikrophonanlage noch die Zuschauer in den Bann schlägt.

Die zweieinhalb Stunden vergehen im Flug. Action bis zum ironischen Schluss, den der Regisseur im Ami-Himmel mit Gold und Glitter ansiedelt. Da mögen Zweifel verblassen, ob die Themen Nationalsozialismus und Unterdrückung Andersdenkender eigentlich mehr als Dekoration für fetzige Unterhaltung waren. „Swing Heil!”, skandieren die Kids, und der Applaus gibt ihnen Recht. Vielleicht hilft das ja in der Spardiskussion.