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Mit 300 Sachen durchs Tor zum Westen

Mit 300 Sachen durchs Tor zum Westen

Köln (an-o) - Ab Dezember findet die Euregio den lange ersehnten Anschluss an das ICE-Netz der Deutschen Bahn. Nicht nur Ferienreisende dürfen sich dann über enorm verkürzte Fahrzeiten Richtung Frankfurt freuen. Auch die Wirtschaft der Region ist um einen Standortvorteil reicher.

Hinter Siegburg gibt der Zugführer richtig Gas: Mit 300 Stundenkilometern jagen ICE-Hochgeschwindigkeitszüge seit gut einem Monat durch das Siebengebirge. Steigungen von bis zu vier Prozent muss der Zug bewältigen, im Westerwald geht es schließlich hinauf bis auf 450 Meter. Ganze 30 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 46,7 Kilometern durchrast der ICE auf der Neubaustrecke zwischen Köln und Frankfurt. Der längste misst 4.500 Meter.

Der Zug scheint zu schweben

Im Inneren des ICE schlürfen die Reisenden derweil in aller Seelenruhe ihren Kaffee. Dass der auf die teuren Anzüge kleckern könnte, diese Sorge treibt hier niemanden mehr um. Denn nur die am Fenster vorbei fliegende Landschaft lässt die enorme Geschwindigkeit erahnen, ansonsten scheint der Zug förmlich zu schweben.

Derzeit pendelt das neue Flaggschiff der Deutschen Bahn im Zweistundentakt zwischen den Metropolen Köln und Frankfurt. Ab dem 15. September startet dann der stündliche Verkehr, erst der Fahrplanwechsel Mitte Dezember aber verspricht eine optimale Einbindung in das Fernverkehrsnetz.

Flughafen Köln/Bonn noch außen vor: Die Pferde sinds Schuld

Bis auch der Flughafen Köln/Bonn vom ICE angesteuert wird, können noch zwei weitere Jahre vergehen. Zu verdanken haben das die Bahn-Kunden einem Kölner Kaufmann, der in der Domstadt mit Duftwässerchen von sich reden machte, und seiner Vorliebe für edle Rösser: "Ich sage nur 4711", lächelt Udo Kampschulte von der ausführenden Bahn-Gesellschaft DB Bauprojekt etwas gequält.

Denn ein nahe der künftigen Trasse gelegenes Gestüt habe mit seinen Einwänden für eine Verzögerung von 18 Monaten und direkten Mehrkosten von etwa 7,5 Millionen Euro gesorgt. "Weil der Pferdeliebhaber um die Potenz seiner Hengste bangte, müssen wir den benachbarten Tunnel nun auf mehr als 1000 Meter verlängern", so der Planer. "Derlei Randnotizen werden angesichts der historischen Bedeutung des Hochgeschwindigkeitsverkehrs auch für die Euregio schon bald vergessen sein", glaubt Michael Wirtz, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, der sich jetzt persönlich von den Vorzügen der ICE-Technik überzeugte.

"Unsere Region hat aufgrund ihrer geographischen Lage in der Vergangenheit schon so manchen Aderlass verkraften müssen", erklärt Wirtz. Die Aachener Wirtschaftsregion sei heute mehr denn je von ihren Anbindungen zu den international bedeutenden Wirtschaftszentren abhängig. "Manager wollen eben schnell von A nach B kommen", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes.

"Aachen ist an der Reihe"

In dieser Hinsicht aber hatte der Standort bislang das Nachsehen, und Drewes bei Gesprächen mit Unternehmern zuweilen einen schweren Stand: Runde drei Stunden dauerte die Fahrt vom Aachener Hauptbahnhof zum Flughafen Frankfurt. "Aachen war endlich einmal an der Reihe", meint Wirtz.

Die Region dürfe als Tor zum Westen nicht abdriften, weshalb auch nach dem Start des ICE-Verkehrs im Dezember noch Anstrengungen vonnöten seien. "Der weitere Ausbau der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Aachen und Köln muss nun oberste Priorität genießen", fordert der IHK-Präsident. Auch nach der Flutkatastrophe dürfe hier nicht gespart werden.


Zum Thema:

Die neue ICE-Strecke Köln-Frankfurt hat im ersten Monat ihres Bestehens 80 000 Fahrgäste angelockt. Die Zweite Klasse war zu 50 Prozent besetzt, die Erste im Schnitt zu 60 Prozent. Dies ist nach Einschätzung der Bahn angesichts der Ferienzeit und des noch nicht auf Anschlüsse abgestimmten Pendelverkehrs eine sehr gute Auslastung. Zum 15. September soll der Ein-Stunden-Takt starten.