1. Kultur

Stuttgart: Missgunst oder Harmonie? Deutschlands Ballettszene glänzt

Stuttgart : Missgunst oder Harmonie? Deutschlands Ballettszene glänzt

Alles voller Harmonie und Schönheit? Von wegen. Das Säureattentat Mitte Januar auf den Ballettchef des legendären Moskauer Bolschoi Theaters, Sergej Filin (42), hat die Tanzszene weltweit tief erschüttert. Nicht nur in Russland. Auch in Deutschland fragt man sich, wie groß der Konkurrenzdruck in den Kompanien ist. Wie steht die deutsche Ballettszene da? Gibt es auch hier an den Theatern bisweilen einen Kampf auf Leben und Tod?

„Unvorstellbar”, sagt Ballettexperte Hartmut Regitz. Rivalität gebe es im Ballett wie in jedem Beruf. Auch Eifersüchteleien. Ihm sei aber aus den vergangenen Jahrzehnten nicht ein Fall ähnlicher Dimension bekannt wie in Moskau, so der Redakteur der Zeitschrift „tanz”. Bestätigung gibt es von Hamburgs Ballettchef John Neumeier (70): „Mir ist so etwas noch nie passiert oder zu Ohren gekommen - und ich arbeite schon seit über fünfzig Jahren in Deutschland.”

Konkurrenzkampf bis zum Letzten sei in der Szene sicher „kein kollektiver Zustand”, sagt auch einer der Jungen, Düsseldorfs aufstrebender Ballettdirektor Martin Schläpfer (Jahrgang 1959). Er habe das Geschäft in Europa bisher nicht so erbarmungslos erlebt. „Ich wehre mich gegen dieses Bild einer unmenschlichen Kunst”, betont der Schweizer Tänzer und Choreograph.

Sergej Filins Posten gilt als einer der einflussreichsten in der Welt des Tanzes. Ein Unbekannter hatte ihm Säure ins Gesicht geschüttet. Filin erlitt schwere Verätzungen an Augen und im Gesicht. Der Täter wird im beruflichen Umfeld des Künstlers gesucht.

Hierzulande habe Talent auch ohne blutige Tricks eine Chance, ist Schläpfer beim Blick auf die deutsche Tanz-Szene überzeugt. „Wer sehr talentiert ist - ich betone sehr - hat keine Probleme. Wer talentiert ist, wird es schwer haben.” Was den Konkurrenzkampf tatsächlich zuletzt verschärft habe, sei der enorme ökonomische Druck, unter dem alle stünden. „Wenn man nicht sofort Erfolg hat, ist man kein Kandidat mehr. Es gibt ganz wenige Intendanten, die vier Jahre an jemanden glauben würden, hätte er kein volles Haus. Das Geschäft ist knallhart geworden.”

Knapp 1400 fest angestellte Tänzer gibt es nach Angaben des Bühnenvereins an öffentlich geförderten Theatern in Deutschland. Gruppentänzern stehen laut Tarifvertrag im Schnitt 2400 bis 3000 Euro im Monat zu. Solotänzer handeln ihr Gehalt selbst aus. Tänzer würden nicht reich, „aber sie haben ihr Auskommen”, sagt Ivan Liska (62), Direktor des Bayerischen Staatsballetts. „Sie könnten den Orchestermusikern gleichgestellt werden, dann ginge es ihnen besser.”

Die deutschen Ballett-Kompanien stünden nicht in der ersten Reihe mit New York, London, Paris, Moskau oder auch St. Petersburg. „Aber sie werden wahrgenommen”, sagt Experte Regitz. Der gute Ruf sei in den 1960er Jahren begründet - in Choreographen-Legende John Cranko (1927-1973) und dem Stuttgarter Ballett-Wunder. Crankos weltweiter Erfolg etwa mit „Romeo und Julia” habe „das Ballett vom Operndienst befreit und als eigenständige Sparte etabliert”, sagt Anderson.

Mit der Förderung von Choreographen wie John Neumeier, Jiri Kylian und William Forsythe gilt das Stuttgarter Ballett nach wie vor als eine der produktivsten Kompanien in Deutschland. Filin hatte sie für Mai ans Bolschoi eingeladen. Doch auch die anderen können sich „im weltweiten Wettbewerb sehr gut behaupten”, so Neumeier. Und welche Stellung hat Hamburg? Er grinst: „Wir sind die besten.”

Die Grundlage für die deutschen Erfolge sieht Birgit Keil (68), frühere Stuttgarter Ballerina und heutige Direktorin des Badischen Staatsballetts, in einer „phantastischen” Theaterlandschaft. Liska stimmt ihr zu: „Wir hatten hier immer gute Arbeitsbedingungen durch die vielen Stadt- und Staatstheater, und wir haben eine starke freie Szene.” So habe Deutschland „im Tanz ganz viel mitgeredet”, sagt Liska. Und man werde auch weiter mitreden.

Als Erfolgsrezept, auch gegen überbordenden Konkurrenzdruck, gelten die Ballett-Schulen wie in Stuttgart oder Hamburg. So werden immer weniger Tänzer durch rivalitätsgeladene „open auditions” gesucht und engagiert. Stuttgarts Ballettchef Reid Anderson berichtet: „Ich habe seit fünf Jahren kein solches öffentliches Vortanzen mehr machen müssen, da ich alle meine Tänzer aus meiner Schule rekrutiere.” Absolventen der John Cranko Schule fänden fast alle eine Stelle, überwiegend in Deutschland.

Und noch etwas habe sich durch die Schulen geändert, sagt Anderson: Das Bewusstsein wachse, dass die Karriere für Tänzer stets eine relativ kurze ist. „Heutzutage bereiten wir Tänzer viel besser auf die „Zeit danach” vor, und das Bewusstsein ist gestiegen, dass ein Tänzerleben immer zwei Hälften hat.”