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Aachen: Millionen für die alte NS-Kaderschmiede?

Aachen : Millionen für die alte NS-Kaderschmiede?

Der Ärger scheint programmiert: Paul Spiegel hatte schon vor Monaten gefordert, die Ordensburg Vogelsang im Zentrum des Nationalparks Eifel „bewusst verfallen” zu lassen.

„Die reinen Täterorte dürfen nicht um jeden Preis erhalten werden”, zitiert die Parlamentszeitschrift „Landtag intern” den Präsidenten des Zentralrates der Juden. Dann prescht NRW-Kultusminister Michael Vesper vor: Der Grüne will die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung dauerhaft in der ehemaligen NS-Kaderschmiede installieren. Ende 2005 fällt der Komplex auf dem belgischen Truppenübungsplatz an den Bund. Knapp 40 Millionen Euro müssten investiert werden. Ein Gegensatz?

Am Montag wurde eilig telefoniert. Die beiden Wahl-Düsseldorfer Spiegel - dort Inhaber einer Künstleragentur - und Vesper sind seit langem befreundet. „Nach unserem Gespräch heute Vormittag gehe ich davon aus, dass wir uns auf einen Kompromiss bei der weiteren Nutzung der Ordensburg einigen werden”, sagt der Minister am Montagmittag unserer Zeitung.

„Entscheidend ist, dass die Ordensburg kein Wallfahrtsort für Nazis wird und sich das Konzept harmonisch in den Nationalpark einfügt.” Beide wollen schließlich einen „Lernort” realisieren. Der eine per „Zustand des allmählichen baulichen Verfalls ...für wissenschaftliche und pädagogische Konzepte”; der andere durch die ausgefeilte Dokumentation der Wehrmachts-Verbrechen.

Weitere Bedenken

Die Prioritätenliste unterscheidet sich: Spiegel sähe die Millionen lieber bei einer Sanierung der Wevelsburg bei Paderborn, zu der ein KZ-Außenlager zählt. Vesper betont, dass die Ausstellung nur einen Teil Vogelsangs füllen würde. Am Nachmittag lenkt Spiegel offiziell ein: keine prinzipiellen Einwände gegen den Eifeler Dauerstandort. „Wenn dies der Wunsch der nordrhein-westfälischen Landesregierung ist, will ich nicht dagegen sprechen”, lässt er mitteilen.

Bedenken gibt es trotzdem: Ausstellungsinitiator Jan Philipp Reemtsma, Chef des Hamburger Instituts für Sozialforschung, hatte Vesper bereits eindringlich vor den immensen Kosten gewarnt. Ein eigenes finanzielles Engagement schließt Reemtsma aus. Zudem müsse die Wanderausstellung, die derzeit in Halle und bis zum 28. März als 14. und letzte Station in Hamburg gastiert, für einen Dauer-Einsatz komplett überarbeitet werden, fügt eine Institutssprecherin hinzu. Nun darf Vesper beim Deutschen Historischen Museum in Berlin vorsprechen. In dessen Depot wird die Wehrmachtsausstellung, die seit der Neu-Konzeption 2001 mehr als 380000 Besucher zählt, im April eingelagert. Die Verträge sind unterschrieben.

Weitere Probleme dürften diesen Freitag nach einem Imbiss im Kursaal Schleiden-Gemünd auf den Tisch kommen. Dann diskutiert Vesper auf einem Symposium mit Experten den Umgang mit der Ordensburg. Laut der Machbarkeitsstudie der Aachener Planergruppe Aixplan „gibt es zur Entwicklung Vogelsangs als Tourismusdestination im Nationalpark Eifel keine tragbare Alternative” - inklusive Gastronomie, Shops und Aussichtsturm. „Die historischen Orte der NS-Verbrechen sind kein Tourismusmagnet”, hatte Spiegel gewettert. Vesper wird wohl erneut zum Hörer greifen müssen.