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Aachen: Michael Helle inszeniert „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Theater Aachen

Aachen : Michael Helle inszeniert „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Theater Aachen

Michael Helle arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Theaterregisseur; da mag es verwundern, dass er Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, ein Schlachtross der modernen dramatischen Literatur, bislang noch nicht auf die Bühne gebracht hat. Mehr noch: Er hat auch noch nie eine Inszenierung des Stücks gesehen.

Und Mike Nichols' Kinoadaption, in der sich das On-Off-Paar Elizabeth Taylor und Richard Burton eine legendäre Schlacht liefert, hat er erst vor kurzem zum ersten Mal gesehen. Da hatte Helle die Konzeption für seine Inszenierung des vielgespielten Klassikers, die am 12. Mai im Theater Aachen Premiere feiert, schon weitgehend im Kopf. „Hat mich nicht sonderlich angeregt“, sagt Helle.

Nun schickt er also selbst zwei Paare ins Getümmel einer tapfer durchzechten Nacht: Martha (Katja Zinsmeister) und George (Jonas Eckert), die „Süße“ (Luana Bellinghausen) und Nick (Simon Rußig). Dabei geht es ihm nicht um einen Generationenkonflikt, sondern um verschiedene Lebensentwürfe, die sich gegenüberstehen — nachvollziehbare Entwürfe, die sich aus der Biografie der Figuren erklären. „Jeder hat ein Recht darauf, so leben zu wollen“, sagt Helle.

Das Ganze spielt auf der Großen Bühne; man darf also auch gespannt darauf sein, wie Helle mit seinem Bühnenbildner Achim Römer den Raum füllt. Verraten wird noch nicht viel, nur das: Es wird kein Kammerspiel, und wir werden es nicht mit einem Wohnzimmer zu tun haben, sondern mit einem Raum, in dem die Figuren „alle Möglichkeiten haben, aufeinanderzuprallen“.

Das tun sie bei Albee mit einer Vehemenz, die den Zuschauer erschaudern lässt — vielleicht auch, weil er Parallelen zum wirklichen Leben entdeckt. Helle interessiert die stupende Genauigkeit der Psychologie — eine Qualität, die man, wie er sagt, heute eher selten im Theater findet. Für Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld führt das Stück vor allem vor Augen, wie es sich anfühlt, wenn zerstörte Lebensentwürfe unerbittlich verhandelt werden. Also: Mit welchen Illusionen leben wir? Helfen diese Illusionen dabei, eine Beziehung „auszuhalten“? Wann und wo beginnt ihre zerstörende Kraft einzusetzen? Und kann eine bis aufs Blut geführte Auseinandersetzung eine Beziehung sogar lebendig halten? Themen, die zeitlos sind.

Einen anstrengenden, aber bisweilen sogar vergnüglichen Theaterabend versprechen Helle und Zeppenfeld. Sie bedienen sich dabei der „klassischen“ und gekürzten Übersetzung von Pinkas Braun, deren Wahrhaftigkeit und Sensibilität für die Erfordernisse des Theaters der Regisseur lobt. Ob das Ende optimistisch, melancholisch oder hoffnungslos über die Bühne kommen wird, wird sich bei der Premiere zeigen. Helle sagt, dass der Zuschauer für sich selbst herausfinden muss, wie der nächste Morgen für die vier Kombattanten aussehen wird. Eine Moral hat das Stück nicht. Also dann: Auf in den Kampf!

(hjd)