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Aachen: „Merkwürdig, dass so eine Mafia existiert”

Aachen : „Merkwürdig, dass so eine Mafia existiert”

„Darin steckt eine Bombe!” Prof. Dr. Christian Stetter, Linguist am Germanistischen Institut der RWTH Aachen und Dekan der Philosophischen Fakultät, scheut sich nicht, zu drastischsten Vokabeln zu greifen.

Was die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung der Kultusministerkonferenz vor wenigen Tagen vorgeschlagen hat, registriert der profilierte Aachener Kritiker der Rechtschreibreform mit Fassungslosigkeit.

Weniger, dass neben den falschen Neuschreibungen („Leid tun”) weitere falsche („leidtun”) und in vielen Fällen neben den neuen nun auch wieder die alten Schreibungen („davorschieben”) gelten sollen, regt ihn auf.

Dass aber in Zukunft die Kommission ganz allein über Änderungen der Rechtschreibung entscheiden will, das geht ihm über die Hutschnur: „Ein völlig undemokratisch zustande gekommenes Gremium will den deutschen Sprachgebrauch bestimmen.”

Nur bei Änderungen von „grundsätzlicher Bedeutung” - die Einführung der Kleinschreibung von Substantiven - sollen künftig politische Institutionen mitreden können. Für Stetter unvorstellbar.

Und nicht nur für ihn. Bundesweit hat seit der Erstveröffentlichung der neuen Pläne der Rechtschreib-Kommission durch unsere Zeitung (nachdem die als „vertraulich” gekennzeichnete „Beschlussvorlage” von Reformgegnern ins Internet gestellt worden war), Schlagzeilen gemacht und Protestreaktionen hervorgerufen.

Der bayerische Rechtschreibgegner der ersten Stunde, Deutschlehrer Friedrich Denk, fordert in der Saarbrücker Zeitung die Abschaffung der Kommission, weil sie „jede Menge Unsinn” beschlossen habe. Trete die neue Rechtschreibung im Sommer 2005 verbindlich in Kraft, sei das endgültig eine Katastrophe.

Die „Süddeutsche Zeitung” erwartet ohne neue Wörterbücher eine Überforderung der Lehrer angesichts „einer großen Zahl neuerlicher Änderungen an der Schriftsprache”.

Allmählich eine Posse

„Das Ganze verkommt allmählich zu einer Posse”, meint Jörg Seifert, Landesvorsitzender des Philologenverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Für die Schulen seien die ständigen Änderungen fatal. „Wir sprechen von Rechtschreibschwächen, und auf der anderen Seite verunsichern wir die Schüler mit immer neuen Nachbesserungen”, so Seifert.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung” schreibt, dass Sprachwissenschaftler angesichts der Menge von Änderungen damit rechnen, „daß alle orthographischen Handbücher neu gedruckt werden müssen, von Schulbüchern ganz zu schweigen”.

Der Schriftsteller Reiner Kunze hat an den bayerischen Kultur- und Wissenschaftsminister Thomas Goppel einen offenen Brief gerichtet: „Sollte die Kultusministerkonferenz den Empfehlungen der Amtschefkommission folgen und das Regelwerk nach den Vorgaben des vierten Berichtes als verbindlich verabschieden, würde man in einem bedeutenden Bereich des geistigen Lebens mit Verachtung strafen, was Demokratie am nötigsten hat: engagierte Zuwendung.”

Nicht so höflich Schriftsteller-Kollege Hans Magnus Enzensberger in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung”: Es sei „schon merkwürdig, daß so eine Mafia überhaupt existieren kann”. Die politische Frage nach dem Umgang mit der Sprache werde „hinter verschlossenen Türen abgehandelt - wie zu Metternichs Zeiten”.

Siegfried Lenz in der gleichen Zeitung: Viele seiner schreibenden und lehrenden Freunde seien „wirklich verzagt gegenüber dieser blödsinnigen Art der Bürokratie, sich in so etwas wie Sprache einmischen zu wollen”.

Am Freitag hat sich die CDU-Landtagsfraktion NRW dafür ausgesprochen, die ganze Reform rückgängig zu machen. Der schulpolitische Sprecher der CDU, Bernhard Recker: „Keiner blickt mehr durch, jeder schreibt, wie er will. Der Großteil der Erwachsenen ist bei den alten Regeln geblieben, und die Schüler werden mit einem orthographischen Durcheinander konfrontiert.”

Am kommenden Donnerstag will die Amtschefkommission „Rechtschreibung” der Kultusministerkonferenz über die neuen Vorschläge der Reformer befinden.