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Aachen: Menschen sitzen an Fassaden

Aachen : Menschen sitzen an Fassaden

Die Passanten in der Aachener Innenstadt werden sich Donnerstagmittag verwundert die Augen reiben: Vier Meter über ihnen sitzt ein Mann auf einem weißen Stuhl, der an der Hausfassade zu kleben scheint. Der Mensch darauf liest teilnahmslos die Zeitung, so als ob es das Normalste von der Welt wäre, so in luftiger Höhe zu hocken.

Fünfzig Meter weiter, im Schatten des Doms, sitzt eine Frau in gleicher Weise gut und gerne fünf Meter hoch auf weißem Gestühl - und schält Kartoffeln. Eine andere faltet Wäsche zusammen... Insgesamt zehn solcher Damen und Herren verblüffen Donnerstag, Freitag und Samstag auf diese Weise ab zwölf Uhr jeweils eine Stunde lang die Vorübergehenden - die kommen so zu einem ungeahnten Kunstgenuss.

Ausgedacht hat sich das Ganze nämlich die Kölner Aktionskünstlerin Angie Hiesl. „X-mal Mensch Stuhl” nennt sie die zwischen bildender und darstellender Kunst angesiedelte Performance, die im Rahmen des Aachener Kulturfestivals „across the borders” (jenseits der Grenzen) stattfindet. Die Veranstaltungsreihe ist der Aachener Beitrag zur Euregionale 2008.

Ute Pennartz, Mitarbeiterin des Kulturbetriebs, hat Angie Hiesl für das Festival ausgesucht. „Ich kenne sie seit 1995”, sagt sie. „Ich war fasziniert von der Philosophie dieser Aktion.” Vor dreizehn Jahren war die Uraufführung von „x-mal Mensch Stuhl” in der Kölner Innenstadt. Seither hat Angie Hiesl damit in 28 Städten und 13 Ländern in Europa und Südamerika insgesamt 89 Mal für Furore gesorgt. Mit 90 ist Aachen gut für ein kleines Jubiläum.

Thema der „bildnerisch-theatralen Installation” ist das Alter und das Altwerden. Die „Sitzenden” zählen nämlich allesamt über 60 Lenze und auch mehr als 70. Ihre Handlungen sind gezielt aus dem ganz gemeinen Alltag ausgewählt.

„Der Überraschungseffekt ist wichtig”, meint die Künstlerin, „dadurch werden am besten Assoziationen ausgelöst.” Deshalb mag sie auch nicht sagen, wo genau die Stühle an den Fassaden hängen. Immerhin sei verraten: Alle befinden sich in Marktnähe. Und so sollen die Passanten einfach ins Grübeln kommen, was das für Menschen sind, welche Geschichte mit ihnen verbunden ist und „für was sie eigentlich stehen”.

Auf behördlicher Seite haben die Vorbereitungen mit der Klärung aller rechtlichen und Sicherheits-Fragen ein ganzes Jahr gedauert, verrät Ute Pennartz. Das Anbringen der Stühle nahm zwei Stunden in Anspruch. Das „Sitz-Ensemble” - die Akteure stammen aus Köln und Amsterdam - hat sich als durchweg schwindelfrei bewährt. Ein ganzes Helferteam steht bereit, um die Herrschaften auf ihrem steilen Kletterweg per Leiter hinaufzubegleiten.

Einer wird dann oben eine Stunde damit beschäftigt sein, seine Fußballschuhe zu putzen - was allerdings, versichert Angie Hiesl, keineswegs als Reflex auf die EM zu werten sei. „Verrückung der Realität”, „ungewohnter Blick auf die Wirklichkeit im öffentlichen Raum”, „Mensch, Körper, Raum” - so umschreibt die Künstlerin den geistigen Hintergrund ihrer Installation.

Ansprechen lassen sich die Akteure im übrigen nicht, es gibt auch keine erläuternden Papierchen oder Ähnliches. Die Betrachter sollen sich schlicht ihre eigenen Gedanken machen.

In anderen Projekten lässt Angie Hiesl ihre Darsteller in Haufen von Haaren wühlen, sie gräbt gelegentlich schon einmal eine Frau bis zur Brust in die Erde ein, lässt Zwillinge miteinander tanzen und entwirft Installationen für Schlachthöfe, Waschkauen, Kühlhäuser - gekachelte Räume. Aber das sind andere Geschichten...