Walter-Hasenclever-Literaturpreis: Menasses grenzenlose Literatur

Walter-Hasenclever-Literaturpreis : Menasses grenzenlose Literatur

Streit zu provozieren, ist seine Absicht; Radau liegt ihm fern. Robert Menasse mischt sich gerne ein und bezieht politisch deutlich Stellung; er vermeidet Polemik. Der österreichische Schriftsteller, dem am Sonntag in Aachen der Walter-Hasenclever-Literaturpreis verliehen wird, schätzt leise Töne.

Menasse hat bereits mehrere Bücher über Europa geschrieben, zuletzt den Roman „Die Hauptstadt“, der 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde – eine zugespitzte Satire auf die Brüsseler Bürokratie und zugleich ein Plädoyer für das europäische Integrationswerk. Ganz aktuell hat der 64-Jährige gemeinsam mit der deutschen Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot ein Manifest zur Ausrufung der „Europäischen Republik“ verfasst, das am vorigen Samstag von vielen Theatern in Europa verlesen wurde. Im Gespräch mit unserem Redakteur Peter Pappert erweist sich Menasse als ebenso utopisch wie pragmatisch.

Herr Menasse, ist Kultur – Theater, Musik, Literatur, Malerei – eher international oder national?

Robert Menasse: Kunst und Kultur kennen keine nationalen Grenzen. Kein Schriftsteller, der bei Sinnen ist, hat den Anspruch, Nationalliteratur zu schreiben. Es gab einmal eine Phase, als das so war, aber schon Goethe hat festgestellt, dass diese Zeit vorbei ist, und das Zeitalter der Weltliteratur ausgerufen. Künstler, Schriftsteller und Komponisten sind immer international vernetzt gewesen. Selbst und gerade in der Hochphase des Nationalismus haben sich Künstler international verständigt und sich in den großen Metropolen ausgetauscht. Künstler können gar keinen anderen Anspruch haben, als Grenzen zu überwinden.

Können Künstler also eher als andere eine internationale Identität schaffen?

Menasse: Kann Mozart allein einer Nation gehören?

Wohl kaum. Aber Internationalität fällt der Musik womöglich leichter als der Literatur.

Menasse: Warum? Ich sehe da keinen Unterschied. Literatur- und Kunstgeschichte zeigen uns, dass bestimmte künstlerische Entwicklungen und Formen des Ausdrucks gleichzeitig an verschiedenen Orten der Welt aufgetaucht sind. Dass liegt an den seismographischen Talenten von Künstlern.

Manche seismographischen Ausschläge im politischen Europa stimmen nicht sehr zuversichtlich. Sie setzen dem Ihr Manifest für eine „Europäische Republik“ entgegen. Können Sie schon etwas sagen zur Resonanz auf das vorige Wochenende?

Menasse: Diese Initiative ist eine theatralische Aktion, ein Kunstprodukt. Wenn von Theaterbalkonen die „Europäische Republik“ ausgerufen wird, heißt das nicht, dass der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs mit Bestürzung anerkennt, dass er abgesetzt ist. Aber auch eine künstlerische Aktion entfaltet Dynamik und trägt Ideen in den öffentlichen Raum. An mehr als 200 Orten in ganz Europa hat das zu Diskussionen und großem Medieninteresse geführt. Es gibt ein Bedürfnis, darüber zu sprechen, wie die Zukunft Europas aussehen soll.

Das ist hoch umstritten.

Menasse: Man stellt fest, dass die EU nicht gut funktioniert. Deshalb sagen die einen, dann wollen wir wenigstens einen starken Nationalstaat. Die anderen sagen, das kann nicht funktionieren, weil alle großen Probleme längst transnational sind; also müsse die Europäische Union intensiviert werden. Wir wollen den Wutbürgern, Rechtspopulisten und Nationalisten eine proeuropäische Perspektive entgegensetzen.

Das ist mehr als eine Kunstaktion. Sie fordern eine „Europäische Republik auf dem Grundsatz der allgemeinen politischen Gleichheit jenseits von Nationalität und Herkunft“. Brauchen die Europäer, um das – wie schnell auch immer – zu erreichen, eine gemeinsame europäische Identität?

Menasse: Das Identitätsgeschwurbel ist eine Sache der Nationalisten. Es ist nie gelungen, eine gemeinsame nationale Identität herzustellen – zum Beispiel zwischen einem Hanseaten und einem Bayern, zwischen einem Nord- und einem Süditaliener. Die Nationalstaaten sind an ihrem eigenen Anspruch, eine gemeinsame Identität zu schaffen, gescheitert. Die Europäer haben diesen Anspruch gar nicht. Wir brauchen Rechtsgleichheit, einen gemeinsamen gleichen Rahmen, innerhalb dessen jeder gemäß seiner Sprache, Kultur und Mentalität sein Glück suchen kann. Wir sind zwar alle europäische Bürger, aber vor dem Recht nicht gleich. Republik heißt: Gleichheit der Bürger vor dem Recht. Neben dem gemeinsamen Markt und der gemeinsamen Währung brauchen wir die gemeinsame Demokratie. Das stellen wir als Künstler zur Diskussion.

Sie wollen provozieren, aufrütteln.

Menasse: Ich würde das gar nicht so hoch hängen. Wir machen ein Angebot zur Diskussion.

Der Vorwurf lautet, Ihr Angebot sei unrealistisch.

Menasse: Das ist kein Vorwurf. Das ist ein nachvollziehbarer Einwand. Viele können sich ein Leben ohne Nationalstaaten derzeit nicht vorstellen. Die allermeisten Franzosen konnten sich 1945 auch nicht vorstellen, dass ihr Land Souveränitätsrechte mit Deutschland teilt. Es war aber vernünftig und hat sich deshalb durchgesetzt; es war die Grundlage der Befriedung Europas. Es war in der Geschichte immer so, dass Ideen als unvorstellbar abgelehnt wurden, weil sie den Gewohnheiten der Menschen widersprachen.

Den Gewohnheiten der Menschen zu widersprechen, ist Aufgabe der Intellektuellen. Wie stark müssen sich Intellektuelle politisch engagieren?

Menasse: Es gibt kein „müssen“. Es gibt die Notwendigkeit, etwas zu tun, wenn man sieht, was passiert.

Ihr Kollege Michael Köhlmeier hat vor kurzem in einem Interview gesagt, den „Typ des öffentlichen Intellektuellen“ gebe es nicht mehr. „Dafür gibt es eine Art Hass auf Intellektuelle.“

Menasse: Diesen Widerspruch hat es immer gegeben, seit der Intellektuelle als Begriff aufgetaucht ist. Und es hat immer Intellektuelle gegeben, die es als notwendig erachten, gesellschaftlich Position zu beziehen – in der Tradition von Émile Zolas „J’accuse“.

Lassen wir Ihr Manifest und Europa mal beiseite. Woran arbeiten Sie gerade?

Menasse: Das Manifest hat viel Energie gekostet. Ich habe eine enorme Sehnsucht, wieder unbehelligt und allein in meinem Zimmer zu sitzen.

Was tun Sie dann?

Menasse: Nachdenken, träumen, schreiben.

Wovon träumen Sie? Worüber schreiben Sie?

Menasse: Lassen wir es dabei.

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