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Aachen: Meerjungfrau strandet auf der Müllkippe

Aachen : Meerjungfrau strandet auf der Müllkippe

Alle Männer sind Schweine. Das kann gar nicht oft genug gesagt werden. Und die Sache mit dem bösen Müll, der unsere liebe Natur kaputt macht, auch nicht. Wir wiegen diese Weisheiten im Herzen, nachdem wir der Premiere von Dvoraks lyrischem Opern-Märchen „Rusalka“ am Theater Aachen beiwohnen durften. Ewa Teilmans, so eine Art Hausregisseurin am Theaterplatz, beschert uns mit ihrer Inszenierung diese Erkenntnis. Dabei hatten wir uns so auf ein Geheimnis gefreut.

Nun ja, es ist das Recht der Regie, einem Werk eine neue Sicht abzugewinnen. Nehmen wir also mal Platz. Aha. Kois. Bunte Zuchtkarpfen schwimmen als Video auf dem geschlossenen Vorhang herum, tonlos, gemächlich, beruhigend wie ein Bildschirmschoner. Das Publikum plaudert noch ein wenig, dann geht das Licht aus, Kazem Abdullah hebt den Taktstock, und gleich geht, zu Dvoraks zauberhaften Ouvertürenklängen, der Vorhang hoch. Herbstwald. Buntes Laub, Bäume, der See.

 Die Hexe als Puffmutter: Mezzo Sanja Radisic hat im knallroten Minikleid nicht nur optisch einen großen Abend.
Die Hexe als Puffmutter: Mezzo Sanja Radisic hat im knallroten Minikleid nicht nur optisch einen großen Abend. Foto: Ludwig Koerfer

Zitterballett mit nackten Beinen

Die Nymphen ruhen am Ufer, doch die leisen Paukenschläge aus dem Graben lassen sie erschaudern. Das Zitterballett der Mädchen mit nackten Beinen und kurzen, seidenweißen Unterkleidchen hat einen Grund. Denn bald schon kommen böse, fiese Männer, begrapschen sie, pferchen sie in einen Unterstand und treiben sie wieder hinaus, als eine Gruppe von Anzugtypen Stellung bezogen hat. Da gibte_SSRqs nichts zu deuteln, das ist ein Kinderbordell. Die Hexe ist die Puffmutter, der Wassermann der Obermacker. Klar, dass Rusalka da raus will. Sie hat sich in einen der Freier verguckt, der nicht ganz so brutal wie die anderen ist — Sie ahnen es: der Prinz.

Es weht ein Hauch von Symbolismus in Dvoraks berühmteste Oper, diese tragische Geschichte der kleinen Meerjungfrau, der Undine, die sterblich werden will, damit sie lieben kann, dafür aber ihre Stimme der Hexe lassen muss. Die Liebe scheitert, sie bleibt ausgestoßen aus allen Welten und reißt ihren Prinzen mit ins Unglück. Sicher geht es andeutungsweise auch um unterdrückte Sexualität, gleichwohl waren Kinderpornos und Müllberge um 1900 noch nicht up to date.

In Teilmanse_SSRq Sicht der Oper jedenfalls ist die Meerjungfrau Missbrauchsopfer nicht nur ihres Vaters, sondern ohne Zweifel auch des Prinzen. Zu weiteren Regieeinfällen ist dann aber schon eine gehörige Portion Mutwillen vonnöten. Ein Küchenjunge muss flugs zum Zimmermädchen mutieren, damit der Gärtner ihr — im gardinenverhangenen zweiten Akt — an die rosa Wäsche gehen kann.

Pinkelt am Hof des Prinzen noch ein phallischer Brunnen vor sich hin, ist der Waldsee des dritten Akts eine Kloake. Beim Heben des Vorhangs zum Schlussbild geht ein Raunen durchs Publikum angesichts des monumentalen Müllberges, den Bühnenbildnerin Elisabeth Pedross anstelle des jetzt abgeholzten Herbstwaldes in Szene setzt. Wohnte im ersten Akt der Wassermann schon unterm Gullydeckel, schlüpft Rusalka hier gekonnt ins Abflussrohr. „Wehe, wehe“, raunt unentwegt der Wassermann.

Aber die Musik! Dvoraks slawisch gefärbte Melodien sind ein Genuss. Im Orchester zirpt pittoresk die Harfe, die Sinfoniker sitzen auf den Stuhlkanten, damit alle Farben prachtvoll leuchten. Und Abdullah kostet sie aus, diese wunderbaren Höhepunkte, diese zärtlich besinnlichen Passagen. Ein Märchen.

Linda Ballova gibt der Titelfigur all die Gefühle mit, die sie so liebens-, so bemitleidenswert machen. Das Lied an den Mond: entzückend — und das trotz alberner, ums Portal wandernder Mondprojektionen. Am Ende verglüht ihr Sopran förmlich vor Verzweiflung. Chris Lysack, nach seinem Auftritt beim Sinfoniekonzert im Rahmen der Chorbiennale ebenfalls erstmals zu Gast am Theater Aachen, gelingen in der Tenor-Partie des Prinzen anbetungswürdige Klän- ge mit tadelloser Höhe und großer Ausdrucksvielfalt.

Der Wassermann von Jacek Janiszewski ist die ebenbürtige große Basspartie im famosen Ensemble, das auch in den Trios der Nymphen und den Auftritten des Chores allerfeinst durchgearbeitet klingt. Nicht nur optisch, im knallengen, knallroten Minikleid, hat Sanja Radisic als Hexe einen großen Abend, auch ihr Mezzo lässt kaum Wünsche offen; Irina Popova als Fürstin umgarnt mit der Üppigkeit ihres Soprans gekonnt den Prinzen und führt so das finale Drama herbei.

Wo allerdings der viele Müll herkommt, über den am Ende alle halsbrecherisch klettern müssen, warum der zum Baby Doll gemauserte Küchenjunge einen Schuss ins Bein abkriegt, warum die Kois plötzlich im Müll herumschwimmen, das bleibt ebenso rätselhaft wie ein Zigarillos rauchender Wassermann. Wir hätten uns andere Geheimnisse gewünscht.