Köln: Meditative Mörderjagd in Aachen

Köln: Meditative Mörderjagd in Aachen

Im Kino wie im Fernsehen wimmelt es nur so von zerrissenen Ermittlerfiguren. In den Tatorten zwischen Dortmund, Duisburg und Wiesbaden kämpften und kämpfen die Aggressiven, Labilen, Gezeichneten mindestens so stark mit sich selbst wie mit den Verbrechern, die sie verfolgen.

Doch so wenig, wie es für den Begriff des Bullen ein weibliches Pendant gibt, finden sich unter diesen Neurotikern bislang weibliche Kommissare.

Der Schriftsteller Oliver Bottini hat die Freiburger Polizistin Louise Boni erdacht. Ihr Ehemann hat sie sitzengelassen, seit einem tödlichen Einsatz ist sie psychisch schwer angeschlagen. Allzu oft entledigt sie sich mit einem kräftigen Schluck aus der Pulle für eine kurze Weile von diesen Lasten.

In der Adaption, die Hannah Hollinger nach Aachen verlegt und Brigitte Maria Bertele inszeniert hat, spielt Melika Foroutan diese Frau. Ihre schleichende Selbstzerstörung bleibt eher suggeriert denn drastisch ausgemalt — wenn Louise Boni einmal implodiert, so scheint es, dann wird selbst dies sehr leise geschehen.

Vermutlich deshalb hält sie ihr Chef für die Richtige, um sie zu einem seltsamen Fall aufs Land abzukommandieren: Ein Mönch (Aaron Le) zieht schweigend und Kunstschnee-berieselt durch die Natur, auf seinem Kopf prangen zwei blutende Wunden.

Schweigsamkeit als Formprinzip

Boni heftet sich an seine Fersen, in einem Waldstück verbergen sich die beiden vor einer schemenhaften Bedrohung: Geduckt in einer Mulde, sehen sie die Schatten ihrer Verfolger vorbeiziehen. Die Polizistin schläft neben ihrem unfreiwilligen Begleiter ein; als sie aufwacht, ist der Mönch weg.

Die Schweigsamkeit des Mönches und die Ausgeglichenheit des Zen-Buddhismus, dem dieser angehört, spiegeln und konstruieren das wesentliche Formprinzip von Berteles Film. Auch als Louise Boni mit Hilfe eines Dolmetschers tiefer in die Welt des Mönches eindringt, auch als sie herausfindet, in welch grausige Mechanismen sein abgelegenes Kloster verwickelt ist: keine Spur von Hysterie oder spekulativem Bildexzess. Vielmehr liegt eine Atmosphäre der Entschleunigung, der Kontemplation über der Handlung.

Sich auf die Langsamkeit von Louise Bonis Ermittlungen und ihrer einigermaßen ziellosen Suche nach privatem Halt einzulassen, wird auf jeden Fall belohnt: Eine Polizistin gibt es da zu entdecken, die hinter ihrem dicken Eyeliner und unter dem wuscheligen Lockenkopf schillert, mal ganz finster, dann wieder furchtbar grell. Von dieser Figur kann der Film, so scheint es, nur eine erste, flüchtige Ahnung geben.

„Begierde — Mord im Zeichen des Zen“ ist Donnerstag um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

(kna)