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Aachen: Max Herre legt Zeugnis über seine musikalische Vielseitigkeit ab

Aachen : Max Herre legt Zeugnis über seine musikalische Vielseitigkeit ab

Soundcheck am Schloss in Salem. Jede Note sitzt, die Korrespondenz zwischen Streichern, Schlagzeug und Elektronik ist fein justiert. Max Herre und sein 20-köpfiges Kahedi Radio Orchestra verlassen ihre Bühne, die holzvertäfelt heimelige Wohnzimmer-Atmosphäre schafft.

Wie gemacht für sein „MTV Unplugged“-Konzertprogramm, das Herre nach umjubelter TV-Premiere jetzt auch live präsentiert. Mit Unterstützung seiner Freunde Joy Denalane, Afrob, Megaloh und Grace, legt er am Samstag, 30. August, im Rahmen der Aachener Kurpark Classix Zeugnis über seine musikalische Vielseitigkeit ab, in der Hip-Hop, Soul und Pop nur grobe Orientierungspunkte sind. Vorher sprach er mit Michael Loesl.

Sie haben gerade Ihren Soundcheck absolviert, in drei Stunden werden sich mehrere tausend Paar Augen auf Sie richten. Womit vertreiben Sie sich die Zeit zwischen Proben und Auftritt?

Max Herre: Ich drehe am liebsten eine Runde durch die jeweilige Stadt, weil ich ganz gerne weiß, wo ich gerade bin. Es macht mich unruhig, wenn ich vom Tourbus ausgespuckt werde und die Gegend um mich herum nicht einordnen kann.

Formen Ihre Eindrücke von Auftrittsorten auch die abendlichen Konzerte?

Herre: Der Ort, an dem man auftritt, besitzt auf jeden Fall die Möglichkeit, eine Art Rückkopplung auf das zu geben, was auf der Bühne geschieht. Natürlich ist das Publikum der entscheidende Faktor bei Konzerten, aber die Kulisse, die einen umgibt, spielt für mein Wohlgefühl auf der Bühne sicher eine Rolle.

Sie bringen Ihre eigene Rundfunk-Studio-Kulisse mit. Woher stammt die?

Herre: Wir haben den großen Sendesaal des alten DDR-Rundfunkhauses in der Berliner Nalepa-straße nachbauen lassen für die Bühnenkulisse dieser Tour. Dazu gehören alte Holzvertäfelungen und ein DJ, der oben im Regiefenster der Kulisse sitzt.

Angesichts des Aufwands und der Menge an Musikern und Gästen, die Sie für Ihre Tournee durch das Land kutschieren lassen, kommt man nicht umhin, Ihnen zu attestieren, ein Wahnsinniger zu sein.

Herre: Ich bin froh darüber, dass wir durch gute Ticketverkäufe eine Tour wie diese stemmen können. Am Ende ist der Musiker in mir vermutlich stärker als der Geschäftsmann. Ich lege viel Wert darauf, hochwertige Konzerte präsentieren zu können.

Bilden Ihre aktuellen Konzerte das „MTV Unplugged“-Programm ab, das Sie zuletzt veröffentlichten?

Herre: Ja, und ich habe großen Spaß daran, den Konzertbesuchern die musikalische Qualität zu bieten, die sie von der Platte oder der DVD kennen. Dazu gehören nun mal ganz essenziell Streicher, Blechbläser, zwei Pianisten und eine Band, die aufeinander eingespielt ist.

Die kostet.

Herre: Ich bin in der glücklichen Lage, meine Musik ohne Konzessionen an irgendwelche Finanziers gestalten zu können. Das geht nur, weil ich ein Publikum habe, das diesen Umstand würdigt, zu den Konzerten kommt und meine Alben kauft. Ich habe die völlige künstlerische Kontrolle all dessen behalten, auf dem mein Name steht.

Sind Sie ein Narzisst?

Herre: Bestimmt, aber ich denke, in gesundem Maße. Ist nicht jeder, der sich auf eine Bühne stellt, in gewisser Weise ein Narzisst?

Sie könnten sich auch als Chronist verstehen.

Herre: Das sollen und müssen Musiker im Idealfalle meiner Meinung nach auch sein. Natürlich sind es Musik und Entertainment, die zu einem Musiker gehören, aber Musiker dürfen definitiv auch spiegeln, was um sie herum passiert.

In Deutschland unterscheidet man immer noch gerne zwischen Musikern mit politischer Botschaft und Unterhaltern.

Herre: Ja, leider. Für Stevie Wonder, Marvin Gaye, Curtis Mayfield und Bob Marley gab es diesen Widerspruch nie. Für die standen Liebeslieder, Samstagnacht-Wohlfühl-Nummer und politisch motivierte Lieder immer selbstverständlich vollkommen gleichberechtigt nebeneinander.

Wie sieht das bei Max Herre aus?

Herre: Natürlich möchte ich die gleiche Freiheit in meinem künstlerischen Ausdruck für mich reklamieren dürfen wie meine großen Helden. Man muss für diese Form der Freiheit arbeiten, sowohl in der Musik wie auch in den geschäftlichen Strukturen, die einen umgeben.

Wächst Ihnen das Unternehmen Max Herre manchmal über den Kopf?

Herre: Nein, dafür ist es dann doch zu überschaubar. Ein zweiter Barry Gordy, der einstige Kopf hinter Motown, werde ich nicht. Ich könnte mir den Luxus der künstlerischen Freiheit aber nicht erlauben, wenn ich nicht auch Unternehmer wäre.

Ist die künstlerische Freiheit der einzige Luxus, den Sie sich erlauben?

Herre: An Luxusgütern bin ich eigentlich nicht interessiert. Ich reise sehr gerne und bin froh, in einer Wohnung leben zu dürfen, die in einer Gegend liegt, die mir gefällt. Aber das Zurschaustellen von Luxus ist nicht meins, damit bin ich nicht groß geworden. Eigentlich sollte künstlerische Freiheit gar kein Luxus sein, aber die Realität sieht für viele Künstler leider ganz anders aus.

Lautet die Überschrift über Ihrem derzeitigen Karriereabschnitt: Alles ist möglich?

Herre: Ja, absolut. Die Musik, die ich mache, speist sich aus den Platten, die ich am liebsten höre und gehört habe. Das ist eine ganze Menge, und darin war eben auch alles möglich. Von Singer-Songwritern über Blues-Rock, Reggae, Soul ist bei mir alles im Hip-Hop-Gewand zu hören.

Viele Musiker nehmen ein Unplugged-Album als eine Art Resümee eines Karriereabschnitts auf, um danach ein neues Kapitel beginnen zu können. Womit werden Sie sich nach der Unplugged-Tour beschäftigen?

Herre: Bei mir wird kein neuer Karriereabschnitt beginnen. Das klingt mir zu angestrengt. Ich möchte, dass alles im Fluss bleibt. Ich hoffe aber auf Momente des Nachwirkens meiner Unplugged-Platte beim Publikum, um genügend Zeit für ein neues Album finden zu können.

Ihr letztes Studioalbum „Hallo Welt!“ erspielte sich vor zwei Jahren ein neues Publikum. Ist Ihre Unplugged-Tour der Versuch, die verschiedenen Karriereeckpunkte des Max Herre zu vereinen?

Herre: Es stimmt schon, ich konnte die Leute, die nach meiner Zeit mit der Band Freundeskreis den Faden zu mir verloren hatten, wieder zurückholen mit dem Album und der Tour. Umgekehrt konnte ich meinen jüngeren Zuhörern mit der Plattform „MTV Unplugged“ erzählen, was ich vor „Hallo Welt!“ gemacht hatte. Die Konzerte dieser Tour erlauben mir, den Bogen von Freundeskreis bis heute zu spannen und eine mehr oder weniger komplette Werkschau der letzten 18 Jahre zu präsentieren.

Die Konzerte werden also nicht nach 90 Minuten vorbei sein?

Herre: Ich bin bemüht, niemanden zu langweilen, aber zweieinhalb Stunden sollte man schon einplanen.