Kerkrade: Martin-Buber-Plakette für Waris Dirie

Kerkrade : Martin-Buber-Plakette für Waris Dirie

Fünf Jahre war sie alt, da erlitt Waris Dirie Schmerzen, die sie nie mehr vergessen sollte. Weibliche Genitalverstümmlung nennt sich dieses Martyrium, das nach Schätzung der Vereinten Nationen immer noch täglich 8000 Mädchen weltweit erdulden müssen.

Waris´ Mutter führte sie zu einer alten Frau, die die Beschneidung an ihr durchführte. Von der eigenen Mutter festgehalten und auf einem Stein sitzend, wurden ihr mit einer alten Rasierklinge die Klitoris sowie die kleinen und großen Schamlippen abgeschnitten, anschließend wurde alles grob vernäht. Eine Tortur, die als sündhaft geltende Erregung bei der Frau unterbinden soll.

Mit 13 geflohen

Waris Dirie hat diesem barbarischen Ritus den Kampf angesagt. Mit 13 Jahren floh sie aus ihrer Heimat Somalia, als sie die Ehefrau eines alten Mannes werden sollte, den ihr Vater ausgesucht hatte. Sie ging nach England, schlug sich dort als Hausmädchen und mit Aushilfsjobs durch und wurde schließlich per Zufall als Model entdeckt - mit anschließender Weltkarriere, die sie sogar zum Bond-Girl neben Timothy Dalton machte.

Doch dann, 1997, auf dem Höhepunkt dieser Karriere, berichtete Waris Dirie erstmals öffentlich über ihre grausame Beschneidung und löste damit ein weltweites Medienecho aus. Jetzt wird diese mutige und nimmermüde Kämpferin gegen das Unrecht mit der Martin-Buber-Plakette der Stichting Euriade ausgezeichnet.

Am 30. November wird sie persönlich den Preis in der Abtei Rolduc entgegennehmen, wie Euriade-Intendant Werner Janssen gestern nicht ohne Stolz verkündete - als sechste Persönlichkeit nach Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Karlheinz Böhm, Herman van Veen und zuletzt Klaus Maria Brandauer.

Waris Dirie, mittlerweile 41 Jahre alt und seit 2005 auch österreichische Staatsbürgerin, hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben (das letzte, „Brief an meine Mutter”, ist gestern erst im Ullstein Verlag erschienen), sie ist Uno-Sonderbotschafterin, für Unicef aktiv und hat eine eigene Stiftung gegründet.

Wortgewaltig und laut macht sie auf das bittere Schicksal all der Frauen aufmerksam, die sich jenem brutalen Eingriff immer noch unterziehen müssen. In all dem, betonte Janssen, zeige sich die Bereitschaft dieser schönen und klugen Frau, Verantwortung für den anderen zu übernehmen - und damit jenes Prinzip zu leben, das der jüdische Philosoph Martin Buber propagiert habe.

Der Preis würdige Diries Mut, das, was auch ihr angetan wurde, offenzulegen, um anderen zu helfen, sagte Janssen. Denn sie habe es geschafft, dass die Europäische Union den Kampf gegen Genitalverstümmlung auf ihre Agenda gesetzt hat und dass in vielen Ländern Gesetze verschärft und Präventionsmaßnahmen ergriffen wurden.

Doch damit gibt sich Waris Dirie nicht zufrieden. Das wird garantiert auch bei der Preisverleihung in Rolduc und bei den Veranstaltungen drumherum im Rahmen des Euriade-Festivals, das unter dem Motto „Kind” steht, deutlich werden. Denn die neue Preisträgerin wird drei Tage in der Region sein; sie wird mit den Jugendlichen diskutieren, die zur „Woche des Dialogs” nach Eurode kommen werden, sie wird das Festival „Rhythmus Afrika” am Vorabend der Preisverleihung im Aachener Ludwig Forum und die große Benefiz-Gala am 1. Dezember im neuen Theater Heerlen besuchen. Eine starke Frau, die, wie Werner Janssen sagt, den „dornenreichen Weg vom Ich zum Du täglich neu wagt” - im Sinne Martin Bubers, im Sinne der Euriade.

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