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Heidenheim: Marcus Bosch: Ein Kraftakt vor malerischer Kulisse

Heidenheim : Marcus Bosch: Ein Kraftakt vor malerischer Kulisse

Vor gut zwei Jahren pendelte er noch zwischen Aachen und Nürnberg hin und her, leitete gleichzeitig zwei Festivals in seiner Geburtsstadt Heidenheim und im schweizerischen Flims, gastierte in Hamburg und anderswo. Auf die Frage, ob das nicht etwas viel sei, antwortete Marcus Bosch mit einem knappen „Ja“.

Nach seinem Amtsantritt als Generalmusikdirektor in Nürnberg fällt zwar die lästige Fahrerei zwischen Aachen und der fast 600 Kilometer entfernten fränkischen Stadt weg. Sonst hat sich am Arbeitspensum des Dirigenten nicht viel geändert.

 Das Volk spielt eine Hauptrolle in Puccinis „Turandot“ bei den Heidenheimer Opernfestspielen vor der Schlossruine. Regie führt Michael Helle, die Ausstattung stammt von Detlev Beaujean vom Theater Aachen. Marcus Bosch, ehemaliger Aachener GMD und jetzt Generalmusikdirektor in Nürnberg, leitet die Schlossfestspiele und dirigiert „Turandot“.
Das Volk spielt eine Hauptrolle in Puccinis „Turandot“ bei den Heidenheimer Opernfestspielen vor der Schlossruine. Regie führt Michael Helle, die Ausstattung stammt von Detlev Beaujean vom Theater Aachen. Marcus Bosch, ehemaliger Aachener GMD und jetzt Generalmusikdirektor in Nürnberg, leitet die Schlossfestspiele und dirigiert „Turandot“. Foto: Thomas Bünnigmann

Zurzeit weilt er wieder in Heidenheim, wo er als künstlerischer Leiter der Schlossfestspiele eine Aufführungsserie von Puccinis „Turandot“ dirigiert. Gleichzeitig denkt er an das Ende Juli beginnende Festival in Flims und an große Konzerte in Nürnberg, etwa das Klassik Open Air an diesem Sonntag oder den Auftakt zum Bardentreffen mit einer Aufführung der Festwiesen-Szene aus Wagners „Meistersingern“ mit etlichen Chören der Stadt. Dazu sitzt das Publikum zünftig an Biertischen.

Unkonventionell in Nürnberg

So emsig Bosch die Musikszene in Aachen nicht nur qualitativ auffrischen, sondern mit heute noch beliebten Großereignissen wie den Kurpark Classix oder der Chorbiennale bereichern konnte, so unkonventionell geht er auch in Nürnberg vor. Er konnte auf solide Ausgangsbedingungen zurückgreifen, führte aber auch schon eine Reihe neuer Konzert-Serien ein. An ungewöhnlichen Orten wie Clubs diverser Art samt DJs, mit Bach am Betzenstein, Kammermusik im Germanischen Museum sowie Lunch- und Filmkonzerten. Das Opernhaus ist stets voll. Nicht nur bei Reißern wie den „Meistersingern“, dem „Tristan“ oder der „Tosca“, sondern auch bei weniger Bekanntem wie Dvoáks „Rusalka“.

Er konnte das Orchester auf 91 Planstellen aufstocken. Mit Musikern der Akademie stehen ihm 102 Orchestermusiker zur Verfügung. Damit und mit einem guten Gesangsensemble kann er sich in der kommenden Spielzeit guten Gewissens an einen neuen „Nibelungen“-Ring wagen. Ein gewaltiger Kraftakt, dem noch eine nicht minder anstrengende Premiere von York Höllers Oper „Der Meister und Margarita“ zum Saisonauftakt der Hamburgischen Staatsoper vorausgeht. Bosch: „Die Nürnberger Oper ist ständig voll, das Orchester ist voll ausgelastet und wurde nach dem Münchner Staatsorchester und den Bamberger Sinfonikern zum dritten bayerischen Staatsorchester geadelt. Was will man mehr?“

Die Heidenheimer Schlossfestspiele, die im kommenden Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum mit dem Zwilling „Cavalleria Rusticana“ von Mascagni und „Il Pagliacci“ von Leoncavallo feiern, bilden mit ihren restlos ausverkauften Vorstellungen nicht nur ein Ereignis für die malerische Stadt an der Brenz, sondern zeugen auch von Boschs Verbundenheit mit Aachen. Die Regie für Puccinis letzte Oper übernahm Michael Helle, mit dem Bosch in Aachen sehr erfolgreich die „Tosca“ sowie zwei Mozart-Inszenierungen produzierte, die Ausstattung Detlev Beaujean vom Theater Aachen. Im Gesangsensemble setzen Michaela Maria Mayer, ehemaliges Ensemblemitglied in Aachen und nun in Nürnberg engagiert, als Liù und Woong-jo Choi, der ins Aachener Ensemble zurückkehrt, als Timur starke Akzente. Außerdem wirkt Marijn Simons, Konzertmeister im Sinfonieorchester Aachen, als Boschs musikalischer Assistent mit und dirigiert auch selbst.

Die pittoreske Ruine des ehemaligen Rittersaals im Schloss Hellenstein bietet unter freiem Himmel eine eindrucksvolle Steinkulisse als Hintergrund. Die geringe Tiefe der Spielfläche, die angesichts des großen Turandot-Orchesters noch ein wenig geschmälert werden musste, bietet nicht die idealen räumlichen Voraussetzungen für eine so ausgeprägte Chor-Oper wie die „Turandot“. Helle postiert den Chor denn auch recht statisch auf Sitztribünen, um sich umso intensiver mit den Solisten zu beschäftigen. Überraschendes oder gar Provokantes braucht das Publikum nicht zu fürchten.

Mit zupackender Hand

Helle erzählt die Geschichte von der männermordenden chinesischen Prinzessin geradlinig, führt die Personen sehr genau, vermeidet in den Minister-Szenen jeden Klamauk und verbindet traditionelles chinesisches Kolorit mit zaghaften Bezügen zum 20. Jahrhundert, wenn etwa die Sklavin Liù im maoistischen Blaumann Fahrrad fährt. Ansonsten konzen-triert sich Helle auf das komplexe Verhältnis zwischen dem liebenden Prinzen und der unnahbaren Prinzessin, die erst am Ende ihren distanzierten Balkon verlässt.

Bosch dirigiert die Stuttgarter Philharmoniker robust mit dramatisch zupackender Hand, wohl bewusst, dass sich in einer Open-Air-Aufführung nicht jede klangliche Feinheit der schillernden Partitur retten lässt. Die anspruchsvollen Solo-Rollen sind mit Ausnahme des offenbar (zu) viel beschäftigten Tenors Luis Chapa als Calaf vorzüglich besetzt, wobei Woong-jo Choi als Timur eine der kultiviertesten Leistungen des Abends präsentiert. Mit ihrer voluminösen Stimme bewältigt Rachael Tovey die anspruchsvolle Titelpartie mehr als achtbar.

Neben Schloss Hellenstein stehen Heidenheim einige auch akustisch hervorragende Säle zur Verfügung. Unter anderem ein neues Congress Center mit einem technisch auf dem neuesten Stand stehenden Theatersaal inklusive eines versenkbaren Orchestergrabens. Ein Saal, in den die Opernaufführungen bei schlechtem Wetter mühelos verlegt werden können.

Davon blieben die diesjährigen Festspiele bisher zum Glück verschont. Und das soll auch bei den letzten „Turandot“-Aufführungen am 20., 26. und 27. Juli so bleiben.

www.opernfestspiele.de