Würselen: Manfred Leuchter begeistert das Publikum auf Burg Wilhelmstein

Würselen: Manfred Leuchter begeistert das Publikum auf Burg Wilhelmstein

Weltmusik - das kann eine Begriffshülse sein, die von vielen Interpreten unterschiedlich gefüllt wird. Manfred Leuchter jedoch füllt den Begriff mit Inhalten. Auf der Bühne von Burg Wilhelmstein in Würselen lebt er es vor.

Für seinen großen Auftritt hat er sich ein illustres Ensemble aus iranischen, syrischen, schottischen, niederländischen und deutschen Künstlerkollegen zusammengeholt. Und was nicht durch Menschen vertreten wird, weht halt durch die Klänge hindurch. Beinahe die ganze Welt am Samstagabend auf den paar Quadratmetern der Bühne: Das ließ die Parole von der Weltmusik vom bloßen Gerede zur körperlichen Wirklichkeit werden.

Angesichts der rund 850 Menschen im überdachten Amphitheater war Wilhelmstein-Veranstalter Uli Pesch ganz von den Socken: „So viele Zuhörer - das ist bei Manfred Leuchter absoluter Rekord!” Nicht minder begeistert äußerte sich der Star des Abends angesichts der vielen Fans auf den steil ansteigenden Rängen: „Es ist umwerfend - wir sind ein Nischenprodukt, wisst ihr das nicht?” Was aber nun die Kunst des Manfred Leuchter und seiner Mitstreiter wirklich ausmacht: Das erfuhren die begeisterten bis verzückten Besucher der Freilichtbühne bald danach, während der etwas mehr als zwei Stunden dieses Konzertes.

Vollwertkost für die Ohren

Auf jeden Fall boten Leuchter auf dem Akkordeon sowie seine musikalischen Spießgesellen Dima Orsho (Stimme), Ian Melrose (Gitarre), Kinan Azmeh (Klarinette), Afra Mussawisade (Trommeln), Christoph Titz (Trompete), Florian Zenker (Gitarre), Steffen Thormälen (Schlagzeug), Sebastian Pottmeier (Saxophon) und - ebenfalls an der Gitarre - Antoine Pütz (Leuchter: „Für mich einer der komplettesten Musiker”) Vollwertkost für die Ohren.

Die Grundsubstanz eines jeden Stücks wirkte fast immer orientalisch und/oder afrikanisch - bis auf eine von nicht gerade vielen Ausnahmen: Ian Melrose begann mit einer von den kargen Hochmooren seiner schottischen Heimat inspirierten Improvisation; Manfred Leuchter erwiderte mit einigen von Bachs Goldberg-Variationen.

Sein Spiel war zumindest die halbe Miete. Mit seinem Instrument malte Leuchter den Notentext in fast allen nur erdenklichen Klangfarben aus. Mit seinem schier unerschöpflichem Einfallsreichtum und einer Virtuosität, die selbst Kenner noch verzaubern kann, riss er ein ums andere Mal das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Mochten auch die anderen Künstler auf der Bühne für Soli oder Duette ein paar Minuten lang in den Vordergrund treten: Bei Leuchter liefen die Fäden immer wieder magisch zusammen.

Mit Mut zum Risiko

Wie bei allen großen Geistern, so zeichnete das Zusammenspiel der beteiligten Künstler eine Balance von Maß und Freiheit aus. Es war ein Spiel mit großer Konsequenz und Mut zum Risiko - und mochte das Spiel mit der (fast) vollständigen Auflösung des zugrunde liegenden Musters enden. Eine Reise ans Ende der Nacht und der Dinge, die ernst (mit Blick auf die Zustände in Syrien und Palästina) oder ziemlich spaßig (mit einem lustigen Tanz der Gebeine auf dem Würselener Friedhof) ausgehen konnte und bei der das Publikum immer wieder - wie bei „Wenn es regnet in Marrakesch” - begeistert Geräusche nachahmte.

Kurz vor Schluss wurde Manfred Leuchter, der aus Würselen stammt und beim damaligen Kantor der Hauptkirche St. Sebastian, Richard Klein, das Musizieren nach Noten erlernt hat, noch leicht politisch und richtete ein Appell nicht nur an die Adresse des Veranstalters: „Mach noch lange weiter, Uli Pesch, mach unbedingt weiter! Sonst wären die Stadt und die Region um Vieles ärmer.”