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Viersen: Man soll über die Kunst stolpern: Skulpturensammlung in Viersen

Viersen : Man soll über die Kunst stolpern: Skulpturensammlung in Viersen

Wie ein Totem steht das dämonische Wesen da: Die Augen sind starr geweitet, der breite Mund ächzend geöffnet.

Der Körper klafft schrundig, zerfließt formlos und gebiert zugleich goldene Male, die die Haut durchstoßen.

Als jüngstes Werk kam „Chaosmos”, ein bronzenes Mischwesen des bedeutenden surrealistischen Künstlers Roberto Matta, in diesem Jahr in die kulturelle Diaspora am Niederrhein - zur „Skulpturensammlung Viersen”.

Es ist die erste Plastik des 91-jährigen gebürtigen Chilenen, die überhaupt öffentlich in Deutschland zu sehen ist. Immerhin ist Matta, der im Paris der 30er Jahre zu den Surrealisten gestoßen war, dreifacher Teilnehmer der Kasseler Documenta.

Die Skulpturensammlung ist mittlerweile auf zehn bildhauerische Werke weithin bekannter Künstler wie Erwin Heerich, Anthony Cragg und Wolfgang Nestler, dem in Kalterherberg lebenden Aachener Bildhauer, angewachsenen.

Am Anfang stand die William Pohlsche Schenkung. Die Mittel, die von dem in die USA ausgewanderten Stifter zur Errichtung eines traditionellen Heimatmuseums in seinem Viersener Elternhaus vorgesehen waren, konnten 1989 für moderne Kunst „zweckentfremdet” werden.

Eine private Initiative von Bürgern

So trat der ungewöhnliche „Skulpturenplan” für Viersen in Kraft, berichtet Albert Pauly, Vorsitzender des Viersener Vereins für Heimatpflege, der Initiator und Träger dieser mittlerweile hochkarätigen Sammlung zur zeitgenössischen Plastik mitten in der Provinz geworden ist.

Besonderes Kennzeichen des Projektes rund um die Städtische Galerie im Park: Sie entsteht als private, bürgerliche Initiative, die - ohne festes Budget, ohne institutionelle Bindung - stets aufs Neue „Klinken putzt”, so Pauly. Und das mit wachsendem Erfolg.

Das Stifter-Geld ist für die ersten drei Plastiken - einem geometrisch strengen, vierteiligen „Monument” aus Basaltlava von Erwin Heerich, einem zappelnden, in kubische Formen gezwängten „Kaspar” aus Bronze von K. H. Hödicke und einer schwungvoll abstrahierten menschlichen „Figur” von David D. Lauer - „ausgegeben” worden.

Dann kamen mit Unterstützung der Stiftung für Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen, der Sparkassen und einer „Riesenbeteiligung aus der Bürgerschaft” wichtige Werke von Anthony Cragg und Mark di Suvero hinzu.

Unter schwierigen und nicht üblichen Umständen

Trotzdem, so räumt Pauly ein, sei der Aufbau „unter schwierigen und nicht üblichen Umständen” geschehen. Nicht nur, dass schon mal „unorthodoxe Eigenleistungen wie Lkw-Fahren” an der Tagesordnung waren.

Das Projekt mit Werken der modernen Kunst sei auch nach wie vor nicht völlig „etabliert”. Da die Skulpturen keine gefälligen „Gänseliesel” seien, provozierten die Werke Diskussionen, sagt der Heimatvereinsvorsitzende.

„Schrott”-Vorwürfe von Leserbriefschreibern wurden laut, als das stählerne Monument „New Star” des international renommierten US-amerikanischen Künstlers di Suvero aufgestellt wurde.

Das „Stolpern über Kunst” gehört dennoch zu den erklärten Zielen der Privatinitiative, die jede Neu-Aufstellung einer Plastik durch eine Ausstellung, eine Publikation, Vorträge und Führungen begleitet. Mit „Hinstellen und sagen: Seid begeistert”, schaffe man weder Verständnis noch Akzeptanz bei den Bürgern.