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Köln: Märchenspektakel in Köln: „Zauberflöte” kommt ins Gruselkabinett

Köln : Märchenspektakel in Köln: „Zauberflöte” kommt ins Gruselkabinett

Mozarts Oper „Die Zauberflöte” ist nicht kaputtzukriegen. Offenbar schöpft das Werk mit seiner einzigartigen Mischung aus Volkstheater, Singspiel und der ganzen Fülle musikalischer Preziosen aus einem Fundus, dem auch gewagteste Regiezugriffe nichts anhaben können.

Peter Boysen, gelernter Bühnenbildner mit inzwischen reichlich internationaler Regieerfahrung, stülpt in der ersten Kölner Neuinszenierung der Spielzeit dem Werk eine Sicht über, die man am wohlwollendsten noch als Parallelwelt oder Gegenentwurf bezeichnete: Das Märchen vom Prinzen Tamino und seiner Geliebten Tamina, die zueinander erst nach merkwürdigen Prüfungsritualen finden, verlegt Boysen, der in Personalunion auch gleich für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, in eine Welt der Zombies. Der Tod ist sein Thema. Also findet Tamino und Paminas Hochzeit im Sarge statt.

Diese nekrophilen Gestalten sind überall. Horrorfilmen entsprungen wandeln kahlstirnige, mit bodenlangen Zottelmähnen und barock weit seitlich ausgestellten Reifröcken kostümierte Männer und Frauen auf der leeren Bühne herum. Ganz in Weiß die Königin der Nacht und ihre Damen, schwarz Sarastro und seine Priester. (Aha, die Regie versucht´s mal mit einer komplementären Farbsymbolik.) Boysen sieht mit den Augen Taminos, den er zu diesem Zwecke in drei Bühnenpersonen aufspaltet: Der in der Bühnenwelt handelnde sagt und singt keinen Ton, steckt aber zunächst im Commedia dell´arte-Kostüm.

Vorn am Bühnenportal singt dafür ein Mann im Frack (ganz himmlisch Benjamin Bruns), ihm gegenüber spricht sein Klon mit einer Lautsprecher-Frauenstimme. Der singende und spielende Tamino wechseln am Schluss ihre Kleidung, was das soll, bleibt Boysens Geheimnis.

Ebenso wie seine Idee, die schnell wechselnden Szenen in Mozarts Oper mit Illustrationen aus alten Märchenbüchern auszustatten. In wahrem bühnentechnischen Übereifer schweben immerzu Hänger herauf und herab, auf denen schwarzweiße Zeichnungen von mit merkwürdigen Lebewesen bevölkerten Phantasiewelten abbilden.

Die drei Knaben (die nicht besonders singen) sind von solch einer riesigen Wolke umgeben. Später fährt Sarastro in einem (gezeichneten) Schwanen-Wagen auf, ein Panoptikum an realen und Phantasie-Tieren wird auf die Szene und wieder ab getragen. Vielleicht will Boysen verkünden, dass die „Zauberflöte” ein Phantasieprodukt ist. Aber das kann doch nicht Sinn einer Inszenierung sein!

Dass es in Mozarts meistgespieltem Bühnenwerk auch noch einen Papageno und eine Papagena gibt, muss man beinahe im Dunkel der Inszenierung suchen. Verkleidet im schwarzen Karl-Valentin-Outfit mit roter Feder an der Melone spielt das Buffo-Paar eine Nebenrolle. Ihm zugeordnet ist der Tempelhüter Monostatos im gleichen, aber weißen Kostüm mit schwarz gemalten Backen.

Arien an der Rampe

Vielleicht gilt das ja für die Inszenierung überhaupt. Was die Personenführung angeht, findet kaum mehr als statuarisches Theater statt, bei dem die Arien fast ausschließlich von der Rampe gesungen werden. Da allerdings hört man das wunderbare Stimmmaterial in voller Pracht. Benjamin Bruns´ Tamino ist kaum musikalischer und helltimbrierter zu machen; Mischa Schelomianski kann den Sarastro mit profunder Tiefe, vor allem aber ganz wunderbar natürlicher Höhe singen.

Phantastisch auch Agnete Munk Rasmussen als Königin der Nacht, die in höchsten Höhen glockenrein auch noch so etwas wie Ausdruck wagt, selten nur in den höllischen Koloraturen wackelte. Kristiane Kaiser als Pamina und Stephan Genz als Papageno nebst der jungen, begabten Csilla Csövári als Papagena vervollständigen das exzellente Solistenteam. Für den Chor ist selten Platz auf der Bühne, also singt man häufig aus dem Off, dann allerdings bestens. Die Sänger besitzen in Markus Stenz und dem Gürzenich-Orchester schwung- und klangvolle Sachwalter von Mozarts herrlicher Musik.