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Aachen: „Macbeth“ im Theater Aachen: Publikum begeistert

Aachen : „Macbeth“ im Theater Aachen: Publikum begeistert

Gier nach Sex, Macht und Angst ergeben eine unheilvolle, explosive Mixtur. Wenn nun auf der Bühne des Aachener Theaters zum reichlich vulgären Posaunengetöse der Ouvertüre von Verdis Oper „Macbeth“ der Titelheld ermattet unter seiner Lady ins Leere starrt, während diese sichtlich befriedigt ihr Negligé zurechtzuppelt und lächelnd das Schlachtfeld ehelicher Freuden verlässt, ist eigentlich alles gesagt: Wenn das man gutgeht.

Der junge Hamburger Regisseur Tobias Heyder richtet diese Szenerie vorm Vorhang an, hinter dem alsbald pittoresker Nebel um die Schar der Hexen wabert. Blitze zucken, das Unheil nimmt seinen Lauf beziehungsweise ist schon voll im Gange.

Denn hinter einer bühnenhoch wie -breiten Edelstahl-Mauer stapeln sich bereits blutgetränkte Leinentücher. Unsere beiden Helden, Macbeth und Banquo, reinigen ihre Waffen erst mal vom Blut, bevor sie hören, was die Hexen zu weissagen haben.

Figuren ohne Tiefe

Verdi macht nicht viel Federlesens mit Shakespeares Weltgedicht — die von Leichen gepflasterte Handlung rauscht wie im Fluge vorüber. Seine Oper dauert dennoch fast drei Stunden, weil die Arien die Zeit gefrieren lassen. So war das damals, im Ausgang des Belcanto, als die Sänger vor allem ihre Stimmen zeigen sollten. „Macbeth“ steht in dieser Tradition und löst sie zugleich auf. Er nimmt sich eben Raum für genauere, interessantere Charakterzeichnung, was Regisseure seit mehr als 150 Jahren anregte, psychologisierende Phantasie zu entwickeln.

Tobias Heyder fällt allerdings nicht sonderlich viel ein. Er fand nach eigenen Aussagen in aktuellen TV-Serien wie „House of Cards“ oder „Game of Thrones“ Strukturen von Macht und Gier, die ihm gut zu Macbeth passten. Vielleicht hatten unter dem Aachener Publikum regelmäßige Konsumenten amerikanischer Unterhaltungsindustrie einige Déjà-vus, allein an der fehlenden Plastizität oder Tiefe der vorgeführten Figuren ändert das wenig.

Der vom Bariton Hrólfur Saemundsson mit einem zunächst wenig wandlungsfähigen Timbre ausgestattete Macbeth muss ständig krumm und grimassierend herumstehen, mit einem Morgenstern herumfuchteln und auf dem Gipfel der Macht ziemlich unmotiviert sich der Körper der weiblichen Untertanen bedienen. Ein testosterongesteuerter Jammerlappen. Seine Lady findet in Sanja Radišic eine ungleich begabtere Schauspielerin, ja, im eher gelungenen zweiten Teil des Abends betört sie regelrecht mit einem wunderbaren In-ihrem-Körper-sein. Nach der Pause ist auch die sängerische Qualität so gut, dass die beiden Hauptdarsteller sich die Bravos des Premierenpublikums redlich verdienten.

Beide Partien sind überaus anspruchsvoll: Saemundsson gelingen einige wirklich zu Herzen gehende Passagen, Radišics Sopran lotet einen riesigen Tonraum aus. Der klingt in der Höhe nicht immer schön, sie füttert ihn jedoch mit zunehmender emotionaler Intensität aus — bis in den ergreifenden Bühnentod. Beider sängerische Leistung geht weit über das hinaus, was sie bislang im Aachener Opern-Ensemble gezeigt haben.

Gesungen wird an der Rampe

Der Regie war es offenbar darum gelegen, den Sängern beste akustische Bedingungen zu bieten. Interessant anzuschauen ist das An-der-Rampe-Singen allerdings nicht. Die mobile kühle Mauer, die neben einigen Kronleuchtern und Sitzmobiliar das schlichte Konzept der Bühnenbildnerin Christina Mrosek darstellt, wirkt im Rücken der Sänger wie ein Verstärker.

Die glänzend coole Wand mit ihren aufklappbaren Toren, Türen und Fenstern wirkt penetrant, erschlägt den Raum, statt ihn zu gestalten. Und leider gelingt es der Regie nicht, die handelnden Personen in einigermaßen interessante Beziehung zueinander zu bringen. Es ist ein immerwährendes Rein und Raus durch Türen und Klüfte.

Allerdings, und das ist eine Stärke des Abends, sind die Chorszenen fein gearbeitet. Das Räkeln der Hexen im Abendkleid-Glitzer-Outfit (Kostüm: Janine Werth-mann), die Bankettgesellschaft, das deprimierende Wehklagen des Volkes am Beginn des Schlussaktes sind Höhepunkte der Inszenierung. Und auch gesanglich ist der Opernchor mit seinen Verstärkungen aus Extra- und Domchor der Star des Abends.

Schauen wir noch kurz auf die Nebenrollen. Der Banquo ist beim Düsseldorfer Bass Lukasz Konie-czny bestens aufgehoben, die Tenöre Alexey Sayapin und Stipendiat Soonwook Ka als Macduff und Malcolm haben viele schöne Töne, Larisa Vasyukhina als Kammerfrau bleibt zuverlässig unscheinbar.

Im Graben dagegen ist jede Menge los. Generalmuskdirektor Kazem Abdullah haut in puncto Dynamik so richtig auf den Putz, was manche Gänsehaut erzeugt haben dürfte. Das Sinfonieorchester Aachen schwelgt in Verdi, manchmal zum Dahinschmelzen, manchmal so derb, dass man sich die Ohren zuhalten möchte. Alles in allem ein Abend mit Höhen und Tiefen, den das Premierenpublikum euphorisch beklatschte.