Aachen: „Macbeth” am Theater Aachen: Kleine Ehehölle im großen Klangkosmos

Aachen: „Macbeth” am Theater Aachen: Kleine Ehehölle im großen Klangkosmos

„Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt”, meint eine Zuschauerin in der Pause verwundert. Ja, dem Publikum wird einiges abverlangt. Vielleicht spielt sie an diesem Abend im Aachener Theater sogar die Hauptrolle: die Vorstellungskraft der Zuschauer.

Keine prunkvollen Kostüme und Bühnenbilder, kaum illustratives Spiel, kein Futter für die Augen erwartet sie, sondern opulente Klanglandschaften, ein präzises Horror-Hörspiel.

Man kann Shakespeares Königsdrama „Macbeth” auch als Blut-und-Kot-Exzess auf die Bühne wuchten, wie Jürgen Gosch es 2005 in Düsseldorf tat. Im Vergleich zu dieser umjubelten „Ekeltheater”-Inszenierung wirkt die Aachener Version von Chefregisseur Ludger Engels und Theatermusiker Malcolm Kemp fast aseptisch - aber dennoch eindringlich. Als akustischer Alptraum.

Shakespeare guckt schließlich ins Hirn Macbeths, beschreibt die Fantasien des schottischen Feldherrn, der für die Krone über Leichen geht. Nur konsequent, diesen Schrecken als Kopftheater für die Zuschauer weiterzuführen, getreu Macbeths Feststellung: „Gefahr, die man erlebt, ist weniger als ausgedachtes Grauen.”

Die öde Heide ist hier eine leere graue Spielfläche, die ins Parkett ragt. Dahinter stehen vier schalldicht verglaste Tonkabinen, grau in grau. In ihnen sitzen die Schauspieler an Mikrofonen. Wir können ihnen zusehen, wie sie Töne und Geräusche produzieren, Stimmungen, Atmosphären, Wind und Wetter, und zudem vielen Nebenfiguren Stimmen verleihen.

Zum Beispiel in der Schlacht zu Beginn: Macbeth (Thomas Hamm) und sein Freund Banquo (neu im Ensemble: Tim Knapper) treten vorne auf, ohne Schwerter, kein Blut befleckt ihre Sakkos, nur die Schottenröcke sehen etwas ungebügelt aus. Sie zucken unter imaginären Schlägen, keuchen, schnaufen. Von hinten schallt dazu die Schlachtbeschreibung, ein Gemetzel für die Ohren: Styroporstangen brechen, Schmerzensschreie gellen, Klingen schaben, E-Gitarrentöne dräuen.

Ebenso zeichenhaft bleiben Gewalt und Morde im weiteren Verlauf ein Hintergrundrauschen. Die Kabine hinten links wird zur Todeszelle. Das Mordopfer tritt ein, Blut spritzt an die Scheibe, der Tote schmiert sich weiße Farbe ins Gesicht. Derweil wird nebenan unterm Mikro saftig mit dem Messer in einer Melone gestochert. Erst am Ende, wenn die Kabinen (Dolmetscherkabinen einer cleanen Politikerwelt?) immer mehr aus den Fugen geraten, quillt ein dicker Blutstrom vorne auf die graue Fläche, und Macbeth wird darin sein Ende finden.

Vorher hat er dann aber doch einige Emotionen gezeigt, denn ganz so konsequent wird das Soundkonzept nicht verfolgt: Im Zentrum des großen Klangkosmos kocht eine kleine Ehehölle, angeheizt durch Lady Macbeth. Mit metallischen Schritten (aus dem Mörser hinten), blutroten Lippen und Fingernägeln stöckelt Katja Zinsmeister nach vorne. Kalt, schneidend, hysterisch lachend, treibt sie ihren Mann mit Küssen und Schlägen zur nächsten Bluttat oder feuert ihn auch schon mal an wie eine Cheerleaderin.

Ein Schlappschwanz

Aber dieser Macbeth ist ein Schlappschwanz. Thomas Hamm stampft schon zu Beginn mit dem Fuß auf wie ein trotziger Dreijähriger. Klein macht ihn auch der Blick in seine Unterhose - offenkundig enttäuschend. Will er seine Frau besteigen, lacht sie ihn aus. Engels fokussiert diese Szenen einer Ehe auf die sexuelle Frustration, die Kinderlosigkeit des Paars. Die „unfruchtbare Krone” dient als Motiv für weiteres Morden. Wie ein Ersatzkind weint sich Macbeth an der Brust seiner Frau aus, bis sie in Wahnsinn und Selbstmord driftet - mit der hinzuerfundenen Frage: „Haben Sie mein Kind gesehen?”

Sehr konzentriert wirkt der Abend vor der Pause; der ohnehin knackig-knappe Shakespeare-Text - teils im Original als wohlklingendes Klangmaterial, überwiegend in der schlackenlosen modernen Übersetzung von Thomas Brasch - wird auch durch etliche Kürzungen klug verdichtet. Je mehr aber „gemacht” wird, desto schwächer wird die zweieinviertelstündige Aufführung. Macbeth hämmert immer mehr Grabkreuze wie Trophäen an seine Krone, die aussieht, wie aus Sperrholzstückchen zusammengebastelt. Auch als Heimwerker ist er nicht gerade die Krönung. Ebenso instabil ist der Boden, in den er und die anderen immer mehr Löcher stampfen. Da gibts dann auch Lacher...

Am Ende aber sehr starken Applaus für eine ambitionierte Inszenierung, die vielleicht etwas zu viel will. Denn auch die heutige Politshow soll irgendwie noch kritisiert werden - in Gestalt der Hexen. Als goldglänzende Showgirls, Zwitter- und Glitterwesen (Torsten Borm, Karsten Meyer, Markus Weickert, Philipp Manuel Rothkopf und Julia Doege, alle auch in weiteren Rollen und als Geräuschemacher) verführen sie Macbeth fingerschnipsend, tanzend, singend zur Macht. Am Ende will er im Goldglitzerhöschen mittanzen. Sein Hüftschwung? Na, ja, der Absturz naht. Von da versucht das Programmheft dann die aktuelle Kurve zu Castingshows und Christian Wulff hinzukriegen. Die Vorstellungskraft lässt eben viel zu, auch wenns nicht zu sehen ist.

Weitere Aufführungen bis Februar 2013

Weitere Termine von Shakespeares „Macbeth” im großen Haus des Aachener Theaters: am 29. September, 6., 10., 12. und 26. Oktober, 9., 11. und 24. November, 8., 13., 22. und 30. Dezember, 16. Januar und 2. Februar.

Mehr von Aachener Zeitung