Aachen: „Luisa Miller“ im Theater Aachen: Premierenpublikum begeistert

Aachen: „Luisa Miller“ im Theater Aachen: Premierenpublikum begeistert

Die Geschichte geht schlecht aus, das hört man gleich. Aus dem Orchestergraben dräut das Schicksalsmotiv, umrahmt von martialischen Klängen, die sich in bester Verdi-Manier mit üppig schwelgenden Melodien ablösen. Im Graben führt Kazem Abdullah das Sinfonieorchester Aachen zu einer sehr italienischen Tonsprache — flüssig, sprechend, hochemotional weist die Ouvertüre in eine Welt voller Gewalt und Leidenschaft.

Da lässt sich Regisseur Mario Corradi nicht lange bitten und bebildert das akustische Schlachtengemälde mit Mord und Totschlag: nächtliches Zwielicht. grauer, nackter Beton. Zwischen den Tragpfeilern einer im Bau befindlichen Brücke zwielichtige Gestalten, Maschinengewehrsalven, ein Mord. Die Leiche landet kurzerhand hinterm Säulen-Schalbrett, trotz Beton-Mantels wird man sich beim Schlussakkord an sie erinnern . . .

Ohne Schusswaffen und viel Personal kommt die Inszenierung der Verdi-Oper „Luisa Miller“ von Mario Corradi nicht aus: Das Publikum fand offensichtlich alles sehr sehr gelungen und spendete nach der Premiere am Sonntagabend im Theater Aachen begeistert Beifall. Foto: Carl Brunn

Bei aller Tragik auch witzig

Die Mafia also. Corradi hat den Schillers „Kabale und Liebe“ entlehnten Stoff der „Luisa Miller“ ins Heute geholt. Statt Fürstensohn und Geigenlehrertöchterlein sind sich der Filius des Paten und das schöne Kind eines braven Angestellten der örtlichen Spielbank verfallen. Das ist — bei aller Tragik — auch ganz witzig. Nicht nur, weil in Aachen das Casino eine bekannte Größe ist, sondern auch, weil Ausstatter Italo Grassi bei passender Gelegenheit ein paar unverkennbar der Popart angelehnte Gemälde hängen und abhängen lässt... Da ist man dann schnell bei der Sentenz: Cosa Nostra ist überall.

Doch zurück zu „Luisa Miller“. Das Drama um die beiden Liebenden, deren Idee von Freiheit und Gleichheit in der Welt ihrer Väter keinen Raum hat, gewinnt geradezu an Eindringlichkeit durch die Transposition ins Hier und Heute. Die Gräben zwischen Adel und Bürgertum interessieren nämlich niemanden mehr, da ist die Welt der Abhängigkeiten, Hierarchien, ungeschriebenen Gesetze, wie sie die Cosa Nostra darstellt, viel näher.

Luisas Vater ist bei Corradi so etwas wie ein Croupier in der Spielbank, aus deren Erträgen der Graf als eine Art Pate seinen Tresor füllt. Der fiese Intrigant Wurm ist ein mit schmieriger Langhaarfrisur ausgestatteter Mafioso, Luisa die Unschuld vom Lande. Einmal steht sie im Blümchenkleid am Bügelbrett, ein Marienbildnis im Rücken. Dass in dieser Szene Wurm der Schönen brutal an die Wäsche geht, steht auf der anderen Seite der Medaille.

Nun ist aber „Luisa Miller“ nicht Schiller, sondern Verdi. Da ist Gesangskunst gefragt. Und wir dürfen an dieser Stelle wieder einmal eine Lanze für die Kultur des Stadttheaters in unserem Lande brechen, die dafür sorgt, dass Ensembles wie das in Aachen zusammenwachsen können und den Raum gewähren, in dem sich Persönlichkeiten und Stimmen entwickeln. Glänzendes Beispiel ist Hrólfur Saemundsson, der vor fünf Jahren als in Stimme und Statur eher ungelenker Bariton ans Theater Aachen kam und inzwischen zu einer der Stützen des Ensembles gereift ist. In der Partie des Miller beeindrucken neben den durchschlagenden tiefen und mittleren Registern auch die wunderbar kantablen Höhen. Glaubhaft kann er nicht nur für seine Werte in den Knast wandern, sondern auch auf seinem Schoß die vergiftete Tochter in den Tod wiegen. Einen ähnlichen Reifeprozess hat auch der koreanische Bass Woong-jo Choi durchgemacht, der dem Grafen/Paten neben den autoritären auch die liebenden Züge verleiht, stimmlich wie darstellerisch.

Zwischen Samt und Sternenglanz

Stolz darf das Ensemble auf die junge französische Sopranistin Camille Schnoor sein. Als Stipendiatin der Theater Initiative Aachen 2012/2013 war sie am Theater Aachen als Gretel in Humperdincks „Hänsel und Gretel“ und als Papagena in Mozarts „Zauberflöte“ zu hören. Seit dieser Saison festes Mitgleid, meistert sie die Luisa-Partie außerordentlich. Bei ihren Arien ist die Spannung mit Händen zu greifen, ihr Timbre changiert zwischen Samt und Sternenglanz. Und sie verkörpert die emphatische Liebende ebenso eindrücklich wie die verzweifelt Sterbende. Dass sie in Felipe Rojas Velozo einen uritalienischen (chilenischen) Tenor zum Partner hat, der alle Höhen mit metallischem Strahlen meistert, rundet das Sänger-Erlebnis aufs Feinste ab. Etwas blass bleibt der Bass Jacek Janiszewski in der Wurm-Partie, die aber ebenso wie die Partie der Federica (Yaroslava Kozina) von Verdi eher stiefmütterlich behandelt wird.

Nun mag man an Details der Inszenierung einiges aussetzen, das häufige Wändeschweben und Räumefahren im ersten Akt etwa nervt ziemlich, ebenso ist dauernde Herumgefuchtel mit Schusswaffen nicht sonderlich originell. Alles in allem aber gelingt dem Regieteam eine runde Sicht auf die „Luisa Miller“.

Sämtliche Personen, seien sie auch so ironisiert wie die stöckelnde Federica, wirken glaubhaft, der Chor agiert trotz Bühnenenge organisch, singt im übrigen tadellos. Da wundert nicht, dass das Premierenpublikum begeistert applaudiert, noch ganz beeindruckt von dem finalen Schuss, mit dem sich Rodolfo nach allen Regeln der Bühnenkunst den Kopf wegpustet. Vor eingangs besagter Säule.

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