Aachen: Ludwigs Kunst im Spiegel des Tornados

Aachen: Ludwigs Kunst im Spiegel des Tornados

Silbrig, blank poliert wie ein Spiegel, scharfkantig, messerscharf und edel wirkend zugleich — so erhebt sich ein faszinierendes Gebilde in einem Ausstellungsraum des Aachener Ludwig Forums senkrecht vom Boden bis zur Decke.

„Das ist der originale Flügel eines Tornados“, erklärt Wilhelm Schürmann, immer noch gebannt von der „unglaublichen Ästhetik“ des Objekts, das er vor vier Jahren in einer Berliner Galerie erworben hat.

Seine über 1000 Objekte umfassende Kunstsammlung ist eine der bedeutendsten in ganz Deutschland: der Fotograf, Kurator, Galerist und Publizist Wilhelm Schürmann. Foto: Andreas Herrmann

Weit über 1000 Kunstwerke umfasst seine Sammlung mittlerweile, die er seit Mitte der achtziger Jahre zusammen mit seiner Frau Gaby zusammengetragen hat. „Naked Wing“ (Nackter Flügel) von Fiona Banner, der 1966 in Liverpool geborenen Künstlerin, die 2002 auf der Shortlist für den Turner-Preis stand, gehört dabei zweifelsohne und buchstäblich zu den Glanzstücken. Und damit auch zu den Highlights der neuen Ausstellung des Ludwig Forums, die am 22. März um 12 Uhr eröffnet wird: „Le Souffleur — Schürmann trifft Ludwig“.

„Eine Notwendigkeit“

„Ich empfand das als Notwendigkeit“, erklärt Forums-Direktorin Brigitte Franzen ihre Idee, Wilhelm Schürmann (65), den Fotografen, Kurator, Publizisten, der 30 Jahre lang an der Fachhochschule Aachen Fotografie gelehrt hat und dazu eine der bedeutendsten Kunstsammlungen in Deutschland aufgebaut hat und seit über 40 Jahren in Kohlscheid wohnt, einzuladen: mit seinem Blick auf die Sammlung Ludwig eine individuelle Auswahl zu treffen und sie im Einzeldialog der Werke den Objekten aus der eigenen Kollektion gegenüberzustellen.

Damit treffen auch zwei unterschiedliche Generationen von Sammlern mit verschiedenen Perspektiven aufeinander — Brigitte Franzen: „Während Ludwig die Weltkunst favorisierte, sich an den großen Strömungen orientierte und die Öffentlichkeit immer mitgedacht hat, nimmt Schürmann subtiler gesellschaftspolitische Aspekte in den Blick und die Kontexte der Kunst.“ Werke beider Sammlungen begegnen sich nun feinsinnig und auf Augenhöhe und kommentieren sich dabei gegenseitig. Für den Titel „Le Souffleur“ stand dabei ein Kunstwerk von Olivier Foulon Pate.

Im Tornado-Flügel spiegelt sich das Bild „Switch“ der amerikanischen Konzeptkünstlerin Lee Lozano (1930-1999) aus der Sammlung Ludwig, erst vor acht Jahren in Aachen wiederentdeckt und alles andere als ein Stück Pop-Art. „Diese Ausstellung argumentiert auch gegen gängige Klischees, denen die Sammlung Ludwig immer begegnet“, sagt die Direktorin.

Und so strukturiert Wilhelm Schürmann assoziativ die Räume — mit aufregenden Ergebnissen. Lozano und Banner im Dialog: Während die Amerikanerin ein abstraktes Gebilde, eine Art spitz zulaufender Röhre ins Bild setzt und auf hintergründige Weise Themen wie Gewalt und Sexualität umschreibt, lässt die Engländerin ein Symbol männlicher Gewalt, Zerstörungskraft und Überlegenheit bis aufs nackte Aluminium blank polieren — um es schließlich aufzustellen

„Eine Riesenerektion“, sagt Schürmann lachend. „Das ist Männerkunst, von einer Frau gemacht. Und keineswegs mit erhobenem Zeigefinger.“

Über das Lozano-Bild: „Das ist eine unfassbare Arbeit, deshalb sollte man die ewigen Säulenheiligen der Sammlung Ludwig einmal ruhen lassen.“

Der unverstellte, unvoreingenommene Blick des Experten aus der „anderen“ Sammlergeneration richtet sich zum Beispiel auf Mel Ramos und seinen orangenen Akt auf grünem Nilpferd — und Schürmann fällt sogleich die frappierende farbliche Übereinstimmung mit zwei ganz anders gearteten Objekten des Essener Bildhauers Meuser auf: Skulpturen aus Fundstücken.

Verblüffende Beziehungen

Meuser und Mel Ramos: Völlig Disparates fügen beide Künstler auf ihre Weise ganz neu zusammen. Dass sie dabei womöglich auch noch gemeinsame Lieblingsfarben haben — das ist die augenzwinkernde zusätzliche Pointe, die Schürmann selbst ziemlich amüsiert. So lassen sich hier verblüffende Beziehungen entdecken.

Selbst dem Kurator sind bei der Vorbereitung Überraschungen aufgefallen: „Meine Frau und ich stellten fest, dass wir zu 70 bis 80 Prozent Werke von Künstlerinnen gesammelt haben.“ Kein Zufall: „Deren Stimme war vorher noch nicht in der Welt und damit auch nicht schon ausgeleiert.“

Stil oder Epoche — das sind Kategorien, die dem gebürtigen Dortmunder, der eine sehr direkte Sprache pflegt, absolut wurscht. Was zählt, ist die Einzelposition, die etwas zu sagen hat. Und die gibt er als Kurator zur Wahrnehmung frei. „Ohne belehrende Attitüde!“

Neben das Riesenporträt „Richard“ von Chuck Close — „eine Weltikone“ — pflanzt er ein Miniaturabbild von Andrea Bowers, einer künstlerischen Aktivistin aus Los Angeles. An dem Bildchen hat sie geschlagene 600 Stunden lang gearbeitet, wahrscheinlich länger als Cuck Close an seinen 5,86 Quadratmetern „Richard“.

Schürmann: „Andrea Bowers hat zwei Tage im Knast gesessen, nachdem sie in Kalifornien uralte Bäume besetzt hatte, die fürs Fracking gefällt werden sollten.“ Das digitale Polizeibild von ihr hat sie in mühseliger Kleinarbeit, Pixel für Pixel abgezeichnet. „Sie wollte sich ihr eigenes Abbild für sich selbst wieder zurückholen“, erklärt der Kurator begeistert.

Schürmann: „Das ist Kunst im besten Sinne: ein Stein des Anstoßes.“ Der im Kopf des Betrachters etwas bewegt.