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Aachen: Ludwig Forum: Baumeister auf künstlerischen Pfaden

Aachen : Ludwig Forum: Baumeister auf künstlerischen Pfaden

„Ich liebe Aachen, aber Aachen liebt mich nicht“, soll er einmal über seine Heimatstadt gesagt haben: Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969), Ikone der modernen Architektur. Alles Schnee von gestern — das Ludwig Forum widmet dem legendären Baumeister jetzt zu seinem 130. Geburtstag (27. März 1886) eine Hommage, die zugleich eine Weltpremiere darstellt.

Präsentiert werden rund 50 Collagen, Fotomontagen und Zeichnungen als Leihgaben des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). Noch nie sind Mies van der Rohes Collagen in diesem Umfang gezeigt worden. Ergänzt wird die Schau von Werken derjenigen Künstler, die nachweislich seiner eigenen Kunstsammlung angehörten wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Kurt Schwitters sowie Arbeiten zeitgenossischer Künstler wie Thomas Ruff und Mischa Kuball, die von Mies beeinflusst wurden und dessen Werk reflektieren.

30 Jahre nach „Less is more“

30 Jahre nach der epochalen Architektur-Ausstellung „Less is more“ im Krönungssaal des Rathauses, damals kuratiert von dem Baseler Mies-Schüler Werner Blaser, erinnert Aachen nun zum zweiten Mal mit einem Großprojekt an den berühmten Sohn der Stadt. Die Initiative dazu ging noch von Brigitte Franzen, der ehemaligen Leiterin des Ludwig Forums, aus. Ihr Nachfolger Andreas Beitin hat die Ausstellung „mit Herzblut übernommen“, wie er am Montag bei der Pressevorstellung sagte. Das sicher nicht preiswerte Unternehmen wird unterstützt von der Kunststiftung NRW, der Peter und Irene Ludwig Stiftung und der Stawag.

Über 55 Jahre, von 1910 bis 1965, begleitete Mies seine architektonische Arbeit konsequent und ausdauernd auf künstlerische Weise — und so hat er seine Collagen auch immer selbst verstanden: als eigenständige, allen Zwecken enthobene Kunstwerke. Die allerdings stets in Verbindung stehen zu durchaus konkreten Entwürfen, die aber keineswegs immer zur Realisierung gelangten.

In gedämpftes Licht getaucht, finden sich die empfindlichen, zum Teil großformatigen Blätter in den klimatisierten Räumen des Hauses. Vor einigen Jahren wäre diese Ausstellung rein technisch gar nicht zu realisieren gewesen. 50 bis 70 Lux darf die Helligkeit betragen, erzählt Andreas Beitin, das war die konservatorische Bedingung des MoMa. Resultat ist eine erhabene Atmosphäre, die der Aura der zarten Werke bestens zugute kommt.

Frühestes Stück ist von 1910

Das früheste Stück stammt aus dem Jahr 1910, da heißt der hoffnungsfroh aufstrebende junge Mann noch Maria Ludwig Michael Mies und arbeitet in Berlin. Zusammen mit seinem Bruder Ewald reicht er einen Entwurf für ein Bismarck-Denkmal am Rhein ein. Eine Fotomontage mit Uferböschung, Mauer und Modell des Denkmals visualisiert anschaulich den Bau in seiner Umgebung.

Zeichnungen von Hochhäusern mit gläsernen Fassaden nehmen bereits 1922 seine „Haut-und-Knochen“-Architektur aus Glas und Stahlkonstruktion, mit der er später weltberühmt werden soll, vorweg. Beitin: „Solche Hochhäuser hätte man zu der Zeit noch gar nicht bauen können.“

In Wyoming soll er ein kühnes Projekt entwerfen, da heißt er längst (seit 1922) Mies van der Rohe — nach dem Geburtsnamen der Mutter, Mies, und einem frei dazwischengeschobenen „van der“. Eine Collage visualisiert seine Vision, reflektiert die räumlichen Proportionen und den äußeren Kontext — die Grenzen zwischen Kunst und Architektur verfließen: Für die Darstellung eines Panoramafensters des Landhauses, das zum Teil über einem Fluss zu stehen kommen soll, findet Mies geeignetes Material in einem Filmplakat, für ein möglicherweise Atmosphäre definierendes Teil der Collage ein Stück echtes Holzfurnier und für den Innenausbau des geplanten Gebäudes eine perspektivisch verschobene Reproduktion des Gemäldes „Die bunte Mahlzeit“ des von ihm hochgeschätzten Paul Klee.

Das Bild hätte in dem realisierten Landhaus gut und gerne eine ganze Wand gefüllt. Aber dazu kam es nicht mehr — bereits bestehende, in die Architektur einzubeziehende Bauten spülte der Fluss einfach weg — und der Bauherr zog seinen Auftrag zurück.

Echte Objekte — Tapeten, Zeitungspapier, Glas — auf die Leinwand zu kleben, das hatten die Kubisten erfunden. Für die Dadaisten wurde der Bildraum brechende Umgang mit Fotos, Stoff- und Papierfetzen zu einer zentralen künstlerischen Geste, um ihren Protest gegen Stumpfsinn und Bürgertum nach dem Zivilisationsbruch des Ersten Weltkriegs zum Ausdruck zu bringen. Mies van der Rohe war mit ihnen befreundet — und ließ sich von ihnen offenbar technisch inspirieren. In seiner Montage-Ästhetik steht Mies dabei Künstlern nahe wie George Grosz, Hanna Höch, die Erfinderin der Fotomontage, John Heartfield, Kurt Schwitters, Theo van Doesburg und Lászlo Moholy-Nagy.

Mies macht sich geradezu einen Sport daraus, immer wieder Darstellungen von Werken seiner Künstlerkollegen in die Collagen hineinzumontieren — eine Skulptur von Wilhelm Lehmbruck zum Beispiel und Paul Klees Gemälde „Regentag“. Beide Originale sind der Collage gegenübergestellt — ein ganz besonderer Reiz der Schau. Der „Regentag“ stammt aus Privatbesitz — der Titel des Klee-Bildes war bislang völlig unbekannt und konnte witzigerweise erst in der Vorarbeit zur Ausstellung von Ko-Kurator Holger Otten ermittelt werden.

Frappierend: die Ähnlichkeit der Dachkonstruktion einer Flugzeughalle, die Mies im Jahr 1941 als Vorbild für eine geplante Konzerthalle gefunden hat, mit dem Sheddach des Ludwig Forums. Andreas Beitin lacht darüber — reiner Zufall. Die Proportionen des Raums reflektiert Mies in seiner Collage mit einmontierten Dreiecken und bereichert das Ganze mit einem mystischen Element: der Skulptur eines altägyptischen Schreibers im Schneidersitz. Wer allerdings annimmt, dass die künstlerische Aussage der Mies‘schen Collagen unmittelbar ins Auge springt, der liegt auch bei diesem Beispiel falsch.

Sechs zeitgenössische Künstler beziehen sich in der Schau auf Mies: Thomas Ruff, Sarah Morris, Christian Odzuck, Julia Weißenberg, Inigo Ovalle und Mischa Kuball. So hat Thomas Ruff etliche Fotos von Mies-Bauten durch Spiegelungen oder Rasterungen verfremdet, um den gewohnten Blick aufzubrechen. Mischa Kuball erweitert das Thema mit zwei Video-Installationen, in denen er sich der architektonischen Monotonie in Metropolen widmet.

Zum Rahmenprogramm gehört ein Dada-Festival (28. bis 30. Oktober), ein Symposium zur Collage (2. und 3. Dezember) sowie ein Symposium „Working with Mies“ im Januar 20. Januar. Als Teilnehmer angefragt ist unter anderem Star-Architekt David Chipperfield.