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Gelesen: „Loyalitäten“ von Delphine de Vigan

Gelesen : „Loyalitäten“ von Delphine de Vigan

Loyalitäten können in die Katastrophe führen. Das zeigt die französische Bestseller-Autorin Délphine de Vigan in ihrem aktuellen Roman „Loyalitäten“.

Gleich im Vorwort heißt es: „Loyalitäten, das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten, wie den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen (...) Das sind die Gesetze der Kindheit, die in unseren Körpern schlummern“.

Auch in dem Körper des zwölfjährigen Théo schlummern diese Loyalitäten. Seine Eltern haben sich scheiden lassen und schubsen ihn nun hin und her. Wenn der Junge nach dem Wochenende beim depressiven, arbeitslosen Vater zur Mutter zurückkehrt, muss er sich den „Dreck und den Geruch“ des Vaters zunächst einmal abduschen. Die Mutter hat für ihren ehemaligen Partner nur Verachtung übrig und lässt Théo das auch spüren. Halt bekommt der nur durch seinen besten Freund Mathis. Immer häufiger betrinken sich die Jungs, weil Théo allein im Rausch einen Ausweg aus seiner bedrückenden Lage sieht. „Eines Tages möchte er gern das Bewusstsein verlieren, völlig. Sich für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit fallen, sich davon bedecken, begraben lassen, er weiß, dass so etwas vorkommt.“

Die Lehrerin Hélène merkt, dass etwas nicht stimmt. Ihr gelingt es aber nicht, die Situation zu durchschauen. Schuld an der Situation sind Loyalitäten, die zu menschlichen Beziehungen gehören, aber nicht immer zu rationalen Handlungen führen. Mathis und Théo verbindet eine Freundschaft, die nicht verraten werden will, Théo kann seinen Eltern schlichtweg nicht in den Rücken fallen, weil man das eben nicht macht. Und dann gibt es da noch Cécile, Mathis‘ Mutter, die es nicht wagt, ihren Mann darauf anzusprechen, dass der im Internet rechte Hassparolen verbreitet.

„Loyalitäten“ steht in einer Reihe mit den französischen Familienromanen aus den vorigen Jahren etwa von Yasmina Reza und Leila Slimani. De Vigan führt den Leser in der kurzweiligen Geschichte, die aus vier Perspektiven beschrieben wird, an den Abgrund der menschlichen Beziehungen. Der Roman ist traurig, beklemmend, düster – und trotzdem äußerst lesenswert. (mgu)