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Aachen: Lokomotivführer: „Immer mit einem Bein im Knast”

Aachen : Lokomotivführer: „Immer mit einem Bein im Knast”

Die Fahrkartenautomaten in der großen Wartehalle des Aachener Hauptbahnhofs sind in Fußhöhe ein bisschen verbeult - die vielen Tritte der überforderten Kunden haben ihre Spuren hinterlassen. Sascha Radermacher sitzt an Bahnsteig 6 auf einer Bank. Er würde sich ärgern über das ramponierte Image der Bahn, wenn man ihn denn danach fragen würde. Der 28-Jährige ist Lokomotivführer, wie sein Vater und sein Bruder auch. Sein Opa ist noch Straßenbahn gefahren. „Ich bin Eisenbahner aus Leidenschaft”, sagt er.

Radermacher ist wohl das, was man einen Vorzeige-Angestellten nennen darf. Einer, wie ihn sich die Deutsche Bahn AG nicht besser ausdenken könnte. Seine Jacke sitzt perfekt, ebenso sein Hemd und die Krawatte - alles da, wo es hingehört. „Ich liebe meinen Beruf”, sagt er. Täglich verfolge er nur das eine Ziel: „Ich will pünktlich abfahren und pünktlich ankommen. Einfach einen guten Job machen.”

Dass Radermacher an seinem freien Tag auf der Bank an Gleis 6 sitzt, wird die Bahn AG trotzdem nicht freuen. Der junge Mann will nämlich bezahlt werden für die gute Leistung, die er bringt. „Und zwar anständig”, sagt er. Sein Bruttogehalt liegt bei 2050 Euro, netto blieben ihm in guten Monaten mit vielen Nacht- und Wochenendzuschlägen nicht mehr als 1500 Euro.

„Zu wenig”, findet Radermacher, und nicht nur er. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), in der nach eigenen Angaben rund 90 Prozent aller nicht verbeamteter Zugführer organisiert sind, fordert 30 Prozent mehr Gehalt für das fahrende Personal. „Angemessen”, findet Radermacher. Die Verantwortung, die man in seinem Beruf trage, sei enorm. „Ich stehe immer mit einem Bein im Knast.” Der geringste Fehler könne üble Folgen haben. Da sei kaum ein Unterschied zu den gut bezahlten Piloten. „Wenn ich zu schnell in die Kurve fahre, fliegen wir auch von der Brücke.”

Damit das nicht passiert, muss Radermacher ausgeruht sein. Ein mitunter schwieriges Unterfangen, wie er sagt. Wechselschichten, Überstunden, kaum Ruhezeiten, Nacht- und Spätdienste machten sich bemerkbar. „Ich bin eigentlich immer müde”, sagt er. 55 Stunden pro Woche seien keine Seltenheit. Da sei an Privatleben kaum zu denken. „Meine Freundin und ich sehen uns oft nur eine halbe Stunde am Tag.” Familie, Kinder? „Kaum vorstellbar”, sagt er. Noch nicht einmal Vereinsleben sei möglich. Ob das denn früher anders gewesen sei? „Ja”, sagt der junge Mann, „mehr Personal, weniger Arbeit, mehr Geld, weniger Verantwortung.”

Ein Güterzug unterbricht die Unterhaltung - laut quietschend fährt er durch den Bahnhof Richtung Belgien. Radermacher lächelt, seine Augen blitzen. Warum er überhaupt noch als Zugführer arbeitet, wird in dieser Minute deutlich.

Radermacher will kämpfen. Für sich, für seine Kollegen und seinen Traumberuf. Deshalb engagiert er sich in der Gewerkschaft GDL, deshalb organisiert er den Streik in Aachen, deshalb freut er sich, wenn am Morgen die Züge stehen und viele Reisenden warten müssen. „Damit die Bahn merkt, dass wir unzufrieden sind.”

Dass sich die Gewerkschaft Transnet und GDBA mit der Bahn längst geeinigt haben - auf 4,5 Prozent und eine Einmalzahlung von 600 Euro für alle Bahn-Angestellten - interessiert ihn nicht. „Das gilt nicht für uns”, sagt er. „Die Leute lachen uns doch aus, wenn die hören, was wir als Lokführer verdienen.” Dass die vielen Verspätungen und Ausfälle, die der Streik zur Folge haben wird, dem Image der Bahn zusätzlich schaden, störe ihn hingegen schon. Er ist eben Eisenbahner aus Leidenschaft. „Aber wir haben keine andere Wahl”, sagt er.