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Aachen: Liedermacher Konstantin Wecker im Interview: „Nationalismus ist Fake!“

Aachen : Liedermacher Konstantin Wecker im Interview: „Nationalismus ist Fake!“

Konstantin Wecker sitzt im Auto. Er ist auf dem Weg vom bayerischen Laufen nach Steyr in Österreich, wo er am Abend auftritt. Von Laufen nach Steyr sind es 150 Kilometer, geschätzte Fahrzeit zwei Stunden. Die kann er gut nutzen für ein Interview. Thomas Thelen erreichte den 71-Jährigen via Smartphone.

Geben Sie häufig Interviews während der Autofahrt?

Wecker: Ich mache das schon mal ganz gerne.

Man kennt das von gehetzten Managern, die jede freie Minute des Tages nutzen, um zu arbeiten. Sind Sie ein gehetzter Mensch?

Wecker: Überhaupt nicht. Es ist halt so, dass es sich im Auto manchmal gut ergibt — wie jetzt. Ich habe das große Glück, dass ich nicht selbst fahren muss. Auf meinen Fahrer kann ich mich verlassen. Ich bin in erster Linie Beifahrer und in zweiter Linie Sänger. (lacht)

Bereiten Sie sich im Auto auch auf Ihre Auftritte vor?

Nein, das eher nicht.

Sind Sie vor Auftritten noch nervös?

Wecker: Nein, zum Glück nicht. Es gibt Menschen, die gehen auf eine Bühne und legen sofort los. Ich gehöre offensichtlich dazu.

Sie sind also das, was man eine „Rampensau“ nennt.

Wecker: Ja, genau, das bin ich, bin ich wohl schon immer gewesen. Die Hauptsache ist, dass ich vor einem Auftritt noch die nötige Ruhe finde.

Wie muss man sich das vorstellen?

Wecker: Ich schlafe.

Sie schlafen?

Wecker: Ja, ich schlafe.

Wie lange?

Wecker: Meistens komme ich zwei oder drei Stunden vor dem Auftritt im Hotel an. Und da ich die meisten Städte im Laufe meines Tourneelebens bereits kennengelernt habe, bleibe ich gerne im Hotel und lege mich vor dem Auftritt zwei Stunden hin. Ich glaube fest daran, dass ich mir im Laufe der Jahre mein Lampenfieber weggeschlafen habe.

Mal ehrlich, was würden Sie sagen, wenn wir im weiteren Verlauf dieses Telefonats das Thema Politik aussparen und uns nur auf das Thema Singen konzentrieren würden?

Wecker: Das wäre natürlich denkbar, aber wir leben mittlerweile in einer Zeit, in der es fast nicht mehr möglich ist und auch zu Recht nicht mehr möglich sein darf, die Politik auszusparen. Ein Künstler hat heute eine andere Verpflichtung als noch vor drei oder vier Jahren.

Warum?

Wecker: Na ja, wir sind gerade dabei, unsere Demokratie zu verlieren.

Das klingt dramatisch.

Wecker: Ich sage immer, das Mitgefühl, die Empathie, die wahrscheinlich höchste Errungenschaft des Homo sapiens wird uns inzwischen praktisch als Fehler eingeredet. Ich habe es neulich in Freiburg auf einem Festival gesagt: Ich habe Angst, dass Europa faschistisch wird, das ist doch klar absehbar. Darüber müssen wir reden. Unbedingt!

Wie konnte sich in den vergangenen Jahren die Situation so sehr verändern?

Wecker: Für uns alte Männer ist das vergleichbar mit der Öffnung der Mauer. Das ging damals auch so schnell, wobei das im Vergleich eine durchaus schöne Situation war.

Was hat sich verändert?

Wecker: Es kommt mir so vor, als machten einige Obermachos noch einmal einen auf dicke Hose, und zwar mit einem Thema, das auf Dauer nicht funktionieren wird: Nationalismus. Nationalismus ist Fake! Die Welt ist zu komplex geworden, Nationalismus funktioniert nicht. Diese Machos wollen uns glauben machen, dass Nationalismus noch möglich ist. Ist er aber nicht. Diese Typen belügen uns.

Diese Typen?

Wecker: Trump, Erdogan, Salvini, Seehofer — sie verkörpern das hoffentlich letzte Aufbäumen des Patriarchats. Die Realität sieht schon anders aus, denn wir merken deutlich in der westlichen Welt, was Frauen plötzlich für eine Kraft bekommen.

Sie als erklärter Antinationalist, Pazifist, Feminist — werden Sie in Zeiten wie diesen manchmal ein bisschen, nennen wir es mal, wahnsinnig?

Wecker: Ich werde natürlich nicht wahnsinnig, weil es ja noch etwas anderes gibt. Es gibt etwas, und das spüre ich.

Und das wäre?

Wecker: Es ist wie eine Revolution. Eine Revolution der Zärtlichkeit. Ich merke, dass ganz viele Menschen, gerade spirituelle, sich von ihren dogmatischen und ideologischen Gebäuden trennen, sie einstürzen lassen.

Sind Sie sicher?

Wecker: Ja, bin ich! Es kommt im Herbst ein neues Buch von mir heraus, es trägt den Titel „Auf der Suche nach dem Wunderbaren — Poesie ist Widerstand“, darin werde ich das in einer Art Prosagedicht thematisieren. Würde ich in diesen Zeiten als einsamer Schreiber schreiben, dann würde ich womöglich zum Zyniker. Mein Glück ist, dass ich auf vielen Konzerten Menschen treffe, die eine ähnliche Sehnsucht haben wie ich. Ich spüre bei Menschen, die einen ganz anderen Beruf haben als ich, die gleiche Sehnsucht, die ich habe. Diese Menschen müssen natürlich nicht immer meine Meinung teilen, um Gottes willen, nein. Aber wenn es um die Themen Mitgefühl und demokratische Grundrechte geht, komme ich mit vielen Menschen zusammen.

Auf Ihrer Homepage ist folgendes von Ihnen zu lesen: „Es ist für einen Künstler unglaublich wichtig zu erleben, dass man Mut machen kann all jenen, die jetzt glauben, der Zug sei eh schon abgefahren, und man könne ja doch nichts mehr bewirken. Stoppen wir den Zug der Unmenschlichkeit!“ Wecken positive Zuschriften den Kämpfer in Ihnen?

Wecker: Ich merke zurzeit, mehr als in den Jahrzehnten zuvor, was Zuspruch bewirken kann, wie viel Mut er machen kann. Plötzlich stellen Menschen fest: Moment mal, ich dachte, ich bin ganz allein mit meiner Meinung. So allein bin ich aber doch nicht. Jetzt kann ich weitermachen. Vielleicht erscheint der Widerstand vielen sinnlos. Denen gilt es nun Mut zu machen, denn die mit dem Herzen denken, sind immer noch in der Überzahl. Aber schrecklich verunsichert und vor allem: nicht annähernd so lautstark.

Sind Zeiten wie diese, in denen sich Dinge drastisch verändern, für einen politischen Künstler wie Sie nicht ein gefundenes Fressen?

Wecker: Nein! Ich finde sie so schrecklich, diese Zeiten. Der Gedanke, den Sie hier aufbringen, kam mir bislang jedenfalls nicht annähernd. Durch meine deutliche Positionierung habe ich übrigens Publikum verloren. Nicht wenige sind ja der Ansicht, dass etwas dran sein müsse an den Positionen der AfD, wenn doch laut letzten Umfragen 17 Prozent diese Partei wählen würden. Ich bleibe aber eindeutig positioniert. Ich träume weiterhin von der grenzenlosen Welt, und ich öffne die Grenzen, um alle hineinzulassen. Das ist mein politisches Bild.

Sie haben im Zusammenhang mit der Einführung der sogenannten Transitzentren sehr scharfe Kritik an der SPD geübt und den SPD-Anhängern geraten, lieber ihr Parteibuch abzugeben als den Kompromiss mitzutragen. Das hätte möglicherweise ein Scheitern der großen Koalition und Neuwahlen zur Folge gehabt. Wäre Ihnen das im Moment tatsächlich lieber? Was wäre dann?

Wecker: Wovor müssen wir denn Angst haben? In den letzten Jahren ist so ein Getöse gemacht worden, dass jeder Mensch denkt, es gäbe nur noch die AfD und sonst überhaupt keine Meinung. Wenn die SPD nur klug genug wäre, sich endlich neu zu erfinden! Es liegt aus meiner Sicht daran, dass viele nur ihren sicheren Parlamentsposten behalten wollen. Das ist ihnen wichtiger als die Idee.

Das klingt sehr pauschal.

Wecker: Hätte ich früher auch gesagt, inzwischen bin ich aber leider davon überzeugt.

Am Ende ist also alles nur Postenschacherei?

Wecker: Natürlich nicht alles. Ich hätte jedenfalls niemals im Leben gedacht, dass ein bekennender Linker wie ich unsere Bundeskanzlerin in Schutz nehmen würde. Wenn gebrüllt wird, Merkel muss weg, dann stelle ich mich vor die Frau.

Die einen sagen, Frau Merkel handelt überlegt und leistet sich keine Schnellschüsse, die anderen sagen, sie sitzt die Dinge aus.

Wecker: Ich sage, sie ist eine Frau. Eine Frau, die unbestechlich ist. Auch wenn ich politisch anderer Meinung bin als sie, schätze ich das.

Und sie hat reichlich Ärger mit der CSU. Was sagt der Bayer Konstantin Wecker dazu?

Wecker: Was Bayern und die CSU betrifft: peinlich, peinlich! Was war das für ein PR-Desaster! Aber man sollte bei der CSU differenzieren.

Inwiefern?

Wecker: Na ja, ich kenne seit Jahrzehnten konservative CSU-Leute, die echte Demokraten sind. Mit denen kann man streiten, man ist anderer Meinung, aber sie lassen sie auch zu. Was die AfD angeht, mit der haben viele in der CSU echte Probleme, so ist es ja nun nicht. Ich finde schon, dass zu einer Demokratie gehört, dass man miteinander streiten kann. Aber alles hat seine Grenzen.

Und die sind bei der AfD erreicht?

Wecker: Ja!

Warum?

Wecker: Na ja, weil Faschismus keine Meinung ist! Darüber muss man nicht ernsthaft diskutieren.

Es klang im Verlauf des Interviews durch, dass Sie der Meinung sind, man schenke der AfD zu viel Aufmerksamkeit. Ist das richtig?

Wecker: Ich glaube schon, dass es wichtig ist, sich intellektuell mit dieser Partei auseinanderzusetzen und nicht nur unreflektiert einzelne Sätze des Herrn Gauland zu verbreiten. Hier darf ich an meine Mama erinnern. Wir waren oft in München, und dort zeigte sie auf das Rathaus und sagte: Schau, Konstantin, dort waren die braunen Horden, aber die Neonazis sind doch noch dümmer. Die wissen ja, wie es ausgegangen ist. Ich kann nicht begreifen, wie man ein Neonazi sein kann.

Es stellt sich ja inzwischen auch die Frage, wie viel eine Demokratie aushalten muss.

Wecker: Kennen Sie die Rede Adolf Hitlers kurz vor der Machtergreifung im Bürgerbräukeller, in der er ganz deutlich sagt: Ich werde mit demokratischen Mitteln an die Macht kommen, aber ich denke nicht daran, dann eine Demokratie zu bewahren? Das sollte ein Beispiel für immer und ewig sein, dass wir aufpassen, dass solche Menschen nicht mit demokratischen Mitteln an die Macht kommen.

Werden Sie bei Ihrem Konzert in Monschau auch davon erzählen?

Wecker: Wie könnte ich das, worüber wir gesprochen haben, aus meinem Programm ausklammern. Das geht nicht. Das ist unmöglich.