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Berlin: Liebesgeschichte überflügelt Fußball-Wunder

Berlin : Liebesgeschichte überflügelt Fußball-Wunder

Sibel Kekilli lässt ihren Gefühlen freien Lauf. „Oh Gott, ist mir schlecht”, entfährt es ihr, als sie aufgeregt auf die Bühne steigt, um sich den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin abzuholen.

Das türkisch-deutsche Liebesdrama „Gegen die Wand” von Fatih Akin ist am Wochenende im Berliner Tempodrom der große Gewinner. Gleich fünf Lolas gibt es für den Berlinale- Sieger - für die beiden Hauptdarsteller, die beste Kamera, Regie und als Krönung den Preis für den besten Film, der allein 500 000 Euro wert ist.

Damit setzte sich „Gegen die Wand” gegen „Kroko” von Sylke Enders und „Das Wunder von Bern” von Sönke Wortmann durch, die Filmpreise in Silber und jeweils 400.000 Euro bekamen.

Die Auswahl der Jury ist wenig strittig: Akins packendes Drama über Türken der zweiten Einwanderergeneration ist ein Kritikerfavorit, Wortmanns Fußballfilm über den legendären deutschen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 ein Publikumsliebling.

Und mit der Berliner Milieustudie „Kroko” hat es eine alternative Produktion zu Lola-Ehren gebracht, von der „neuen Generation von Filmemachern”, die Kulturstaatsministerin Christina Weiss in Deutschland ausgemacht hat.

Der emotionalste Moment des Abends ist die tränenreiche Dankesrede von Sibel Kekilli (24). „Mama und Papa, ihr könnt stolz auf mich sein!” Ihr Filmpartner Birol Ünel, wegen einer Verletzung mit verwegen aussehender Augenklappe, gibt sich da cooler.

Der so Gepriesene hat mehrfach Gelegenheit, vor den 2000 Gästen im Tempodrom aufzutreten. Der türkischstämmige Akin (30) lebt und arbeitet in Hamburg, deswegen fordert er Kulturstaatsministerin Christina Weiss auf, bei der Hamburger Kultursenatorin zu intervenieren, um die Pläne für eine Kürzung der dortigen Filmförderung zu stoppen.

Auch die Schauspieler Peter Lohmeyer, der einen Publikumspreis bekam, und Detlev Buck (der wie Fritzi Haberlandt als bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde) nutzen den Abend zum Protest. Sparen und Kulturpolitik sind für einen Augenblick vergessen, als Mario Adorf (73) für seine herausragenden Verdienste um den deutschen Film geehrt wird.

Die 2000 Gäste erheben sich von den Sitzen und applaudieren dem Schauspieler. Adorf wünscht sich, noch einen Filmpreis für eine besondere Leistung zu bekommen. „Zuletzt hat man mir nur Großväter-Rollen angeboten, im Rollstuhl oder mit Alzheimer. Da muss es doch noch etwas Passenderes für mich geben.”

Die Show, Schauspielerin Jessica Schwarz und „Tagesthemen”-Mann Ulrich Wickert moderieren, hat diesmal zwar einige Längen, ist aber schlichter gehalten als im vergangenen Jahr.