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Aachen/Berlin: Lieber Spitzenunis statt Elite-Hochschulen

Aachen/Berlin : Lieber Spitzenunis statt Elite-Hochschulen

Wenn die SPD Glück hat, wird an der vormaligen Arbeiterpartei hängen bleiben, dass ihr ewig verpönte Begriffe wie „Elite” nunmehr locker über die Lippen gehen. Bemerkenswerterweise schaffte allerdings der ideologische Quantensprung ihres Generalsekretärs Olaf Scholz, Deutschland brauche „mindestens eine Eliteuniversität”, nicht einmal einen Tag.

Zehn sollten es schon sein, schoben die Genossen Clement und Bulmahn flugs nach - und zumindest die Bundes-Bildungsministerin verrückte auch schon den Begriff semantisch in Richtung „Spitzenunis”.

„Nicht wirklich neu”

Und das scheint auch viel näher an das heranzukommen, was gewollt und machbar ist. Zu den wesentlichen Zielen etwa des in Nordrhein-Westfalen bereits angegangenen „Hochschulkonzepts 2010” gehört es, die einzelnen Hochschulen in ihren eigentlichen Stärken zu profilieren.

„Exzellenzen herausarbeiten” nennt das NRW-Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft. Das heißt, dass sich nach und nach die Spitzenqualitäten an bestimmten Hochschulen verdichten. Das sind etwa die Ingenieurwissenschaften an der RWTH Aachen, die in diesem Zusammenhang übrigens stets an erster Stelle genannt wird, das sind Lebenswissenschaften in Bonn oder Medizin in Düsseldorf.

Außer, dass die SPD die Eliteförderung nun derart propagiert, sei „nichts wirklich neu” an den Vorstellungen, meint denn auch Burkhard Rauhut, Rektor der RWTH. „Es war aber notwendig zu sagen, dass wir in Deutschland nicht überall spitze sind, und das auch nicht überall sein können.” Das sei ja auch in den USA längst nicht der Fall, wo von den insgesamt 3500 Universitäten ganze 60 „Elite”-Einrichtungen, wie Harvard oder Yale sind.

Gemessen an der Anzahl der für eine Spitzenausbildung in Deutschland überhaupt nur infrage kommenden Studenten und Professoren schätzt Rauhut, dass „wir acht bis 15” solcher Hochschulen brauchen. Um die geeigneten Studierenden herauszufinden, strebt man in Aachen eine strengere Auslese in den ersten ein- bis anderthalb Jahren an. Die Professoren werden jetzt schon verstärkt „weltweit” gesucht. Deutschkenntnisse müssen sie übrigens nicht mehr von vornherein mitbringen.

„Vorhandene Kapazitäten anders darstellen und fördern” ist seit Dienstag auch die neue Umschreibung des Begriffs „Elite-Universität” im Bundes-Bildungsministerium. „Die Auswahl der Hochschulen soll sich im Wettbewerb untereinander vollziehen”, sagt Sprecher Florian Franke. Das Ministerium erarbeite gerade internationale Maßstäbe für ein Ranking der deutschen Hochschulen, nach denen sich die Studierenden richten können. „In den USA weiß man, dass man Jura in Yale oder Philosophie in Harvard studiert. So etwas gibt es bei uns noch nicht.”

Mehr Wettbewerb

Einen, zumal von den Studenten-Vertretungen wie auch dem Aachener AStA befürchteten Zielkonflikt zwischen Topförderung und Massenausbildung, sieht Franke nicht: „Ohne Breitenförderung keine Spitze.”

Wo aber das zusätzliche Geld für eine wie auch immer geartete Spitzenförderung her kommen soll, ist ziemlich offen. Bis zu 100 Millionen Euro jährlich veranschlagt die Deutsche Forschungsgemeinschaft dafür.

Die Bundesforschungsministerin brachte am Dienstag eine „Zweckbindung der Erbschaftssteuer” ins Spiel, übrigens eine Ländersteuer. Ihr Sprecher erklärte das kurz darauf relativierend als „eine Möglichkeit”, man sei ja nicht das Finanzressort. Studiengebühren sollen es im Erststudium jedenfalls auf keinen Fall sein, bekräftigt man in Berlin. Man will schließlich keinen Studenten „abschrecken”, um auf den OECD-Durchschnitt von 40 Prozent Studierender pro Jahrgang zu kommen; derzeit sind es 37.

Während sich Edelgard Bulmahn im Frühstücksfernsehen klarzustellen bemühte, dass man doch nicht an die Neugründung von (Elite-)Universitäten denke, hat eben das für einige Verwirrung und ziemlichen Ärger nicht zuletzt unter Hochschulrektoren gesorgt. So nannte der neue Rektor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität Alfons Labisch die vermeintlichen Vorschläge einen „Skandal”. Statt Neugründungen solle man die bekannt herausragenden Unis fördern und „die schlechten abbauen. Aber das traut sich niemand”.

Der Bonner Rektor Klaus Borchard verlangt hingegen, „endlich alle deutschen Hochschulen in die Lage zu versetzen, im internationalen Wettbewerb zu bestehen”, und sich dem nicht durch Gründung einer Eliteuniversität zu entziehen.

Die offenste aller Fragen, wie so oder so mehr Geld in die Hochschulen kommt, wird also die SPD in nächster Zeit als erste glaubhaft beantworten müssen. Das wäre eine echte Spitzenleistung.