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Aachen: Liebe als Krieg mit anderen Mitteln...

Aachen : Liebe als Krieg mit anderen Mitteln...

Fünf Mal verfilmt, unter anderem von Roger Vadim, Stephen Frears und Milos Forman, gehört der Briefroman „Gefährliche Liebschaften” aus dem 18. Jahrhundert von Pierre-Ambroise-Francois Choderlos de Laclos zu den ergiebigsten literarischen Vorlagen, um im Kino menschliche Leidenschaften lodern zu lassen.

Liebe und Lust, Hass und Neid - all das vor dem Hintergrund einer untergehenden Epoche am Vorabend der Französischen Revolution. Die Bühnenversion von Regisseurin Deborah Epstein und Dramaturg Kai Weßler hatte am Freitagabend in den Kammerspielen des Theaters Aachen eine vielbeklatschte Premiere.

Wer innerhalb der ersten Viertelstunde für sich erfolgreich sortiert hat, wer was mit wem hat und wer von den Herrschaften mit den schwierigen Namen - Marquise Isabelle de Merteuil, Vicomte de Valmont, Cécile de Volanges, Madame de Volanges, Chevalier de Danceny, Madame Marie de Tourvel, Marquis de Merteuil, Graf Gercourt und ein Präsident de Tourvel - leibhaftig erscheint oder nur erwähnt wird, der erlebt ein spannungsreiches Gewirr an Beziehungen und intriganten Attacken.

Eine Frau der Oberschicht hat es nicht leicht in der Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts: Von den Eltern früh an einen alten Knaben verheiratet, gelingt es nur mit List, Tücke und dem gezielten Einsatz erotischer Kampfmittel, soziales Oberwasser zu bekommen.

Die Marquise de Merteuil (Wiebke Mauss) hat ihre Lektion bestens gelernt: Liebe ist für sie nur Krieg mit anderen Mitteln. Ebenso für ihr männliches Pendant, den Vicomte de Valmont (Karsten Meyer), den sie aus Rache an einem Verflossenen dazu anstachelt, gleich zwei Geschlechtsgenossinnen an die Wäsche zu gehen und auszuspannen. Sie „besitzen”, nennt der Vicomte selbst das strategische Ziel...

Deborah Epstein inszeniert das von der Marquise ausgeworfene komplizierte Intrigennetz erstaunlich elegant und leicht, sensibel für jede Geste, in einem Raum, der mit seiner fragmentarischen Ausstattung - Möbel und Kostüme im Rokoko-Stil Schöner Wohnen bei Blaubluts - vor den rohen schwarzen Wänden (Bühne und Kostüme: Florian Barth) den Blick ganz auf das Beziehungsgeflecht der Protagonisten konzentriert.

Mangels Anwesenheit des Gegenübers wird manches Gespräch zum Monolog an der Rampe, was der spannenden Geschichte indes keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Die Sprache steht ganz im Vordergrund, wohlüberlegte Formulierungen werden zu messerscharfen, treffsicheren Waffen im entbrennenden Krieg zwischen Marquise und Vicomte.

Blanke Herrschsucht auf der einen Seite und eingebildete männliche Unwiderstehlichkeit auf der anderen sind die leitenden Antriebe für immer neue intrigante Strategien - bis der Vicomte sein erstes Ziel erreicht: das Schlafgemach der jungen Cécile (Anne Wuchold). Die wird das erste Schlachtopfer - und verliert ihr ungeborenes Kind.

Am Ende sind die Marquise und der Vicomte nur die tragischen Verlierer ihrer eigenen skrupellosen Machtgier und Selbstüberschätzung. Sie, die sich so erhaben wähnen über so schwächliche Gefühle wie Liebe, können bei deren Aufkeimen nicht damit umgehen und den anderen nur noch zerstören...

Deborah Epstein gelingt es, in einem raffiniert geflochtenen, feinmaschigen Netz aus Monologen und Dialogen, mit dekadenten Tänzen, affigem Federballspielen und wüster Orgie diesen Krieg der Geschlechter vor seinem gesellschaftlichen Hintergrund eindringlich nachvollziehbar zu machen.

Höhepunkt ist das verbale Selbstporträt der Marquise, wie sie sich in einer männerdominierten Gesellschaft behauptet hat - ein grandios gesprochener und gespielter Monolog von Wiebke Mauss, in dem sie das ganze charakterliche Syndrom aus Unterwerfungszwang und Emanzipation, Zynismus und Herrschsucht, Skrupellosigkeit, Raffinesse und Unfähigkeit zu lieben mit all ihren schauspielerischen Möglichkeiten trefflich offenbart.

Gleichfalls hervorragend und sehenswert: Anne Wuchold in der Rolle der naiven Cécile, die bisweilen witzig durchschlagend einem Comedy-Sketch entsprungen sein könnte, wenn sie genau die gegenteiligen Gefühle im Gesicht trägt, die sie gerade artikuliert - lacht, wenn sie weint, weint, wenn sie lacht. Einmal eine ganz andere, geniale Art, jugendliche Naivität darzustellen.

Karsten Meyer gibt den skrupellosen, selbstgefälligen Fraueneroberer mit stählerner Kälte. Tobias Fend ist Céciles verliebter Musiklehrer, ein glückloser Zauderer mit Ehrgefühl, das ihm bei Frauen auch nicht weiterhilft. Joey Zimmermann ist witzig in einer Doppelrolle zu sehen: als glatzköpfige, augenrollende, tuntentantige Mutter der Cécile und als kerniger Diener Azolan.

Lang anhaltender Beifall belohnte alle Beteiligten.