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Aachen: Leuchtendes Kulturgut in Gefahr

Aachen : Leuchtendes Kulturgut in Gefahr

Nirgendwo in Europa gibt es eine vergleichbare Qualität und Dichte an Glasmalerei wie im Grenzgebiet zwischen Metz und Nijmegen - und innerhalb dieses Gebiets ragt die Region Aachen als ein Zentrum dieser Monumentalkunst noch einmal ganz besonders hervor.

Das ist das Ergebnis einer ersten umfassenden Bestandsaufnahme und Dokumentation der Glasmalerei, die die Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts e..V. jetzt vorgelegt hat. Vollständig erfasst wurde dabei als erstes der deutschen Bistümer das Bistum Aachen.

Ursprünglich in Mönchengladbach als Euregio-Projekt aus der Taufe gehoben, als Aachens Kulturdezernent Wolfgang Rombey noch dort wirkte, widmet sich die Forschungsstelle Glasmalerei mit ihrer Projektleiterin Annette Jansen-Winkeln mittlerweile als Privatstiftung dem mit Glas „gemalten” Fensterbild, unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen. Ziel ist die flächendeckende Erhebung der mitteleuropäischen Glasmalerei - eine Mammutaufgabe, die für die Gebiete des Aachener Bistums, des Großherzogtums Luxemburg, des nördlichen Teils der Provinz Limburg und des südlichen Bereichs des Bistums Roermond nun komplett abgeschlossen ist.

In zwei Schüben, von 2004 bis 2006 und von 2009 bis 2010, „fing” Annette Jansen-Winkeln mit der Akribie eines Schmetterlingssammlers sämtliche Objekte zwischen Krefeld und Schleiden ein - und keineswegs nur die in Kirchen und Kapellen. Etwas profanere Bauten wie die Sparkasse Aachen oder der Zeitungsverlag Aachen mit seinen Fensterbildern des Alsdorfer Künstlers Ludwig Schaffrath im Treppenhaus gehören auch dazu.

800 allein in 20 Jahren entstanden

10.000 Glasmalereien gibt es demnach im Bistum Aachen, 80 Prozent davon entstanden im 20. Jahrhundert, allein 800 für Kirchenbauten in den letzten 20 Jahren. Ein sechsbändiges, bebildertes Lexikon ist entstanden, das der Öffentlichen Bibliothek der Stadt Aachen übergeben wird. Rombey, die Projektleiterin der Stiftung und Weihbischof Johannes Bündgens stellten das Ergebnis gestern vor. Sämtliche Glasbilder sind auch im Internet abrufbar.

Doch während die wunderbar leuchtenden Fenster nahezu allgegenwärtig sind und in ihrer Alltäglichkeit kaum noch wahrgenommen werden, ist die Glasmalerei ein überaus gefährdetes Kulturgut - und das keineswegs wegen seiner Zerbrechlichkeit, wie man meinen könnte. Zerstört wird ganz gezielt: was schlicht und ergreifend aus der Mode gekommen ist. So empfand man in den achtziger Jahren die Fensterbilder aus den Fünfzigern mit ihrer düsternen Mystik als nicht mehr zeitgemäß. Nach der Devise „Die Kirche muss sich öffnen” und sichtbar heller werden, wurden unzählige Fenster bedenkenlos abgerissen und weggeschmissen - ohne dass sich jemand umso etwas wie Urheberrechte kümmerte.

Keine Glasmalerei, erklärt Expertin Jansen-Winkeln, darf ohne Zustimmung des Künstlers oder seiner Erben abgenommen oder auch nur verändert werden. Indes: Tatsächlich hält sich so gut wie niemand daran.

Als besonders gefährlich für die Glasmalerei stellt sich eine gewisse nachhaltige Entwicklung in der Kirche heraus, die es zum Beispiel mit sich bringt, dass St. Peter in Mönchengladbach-Waldhausen nicht mehr für Gottesdienste, sondern als Kletterhalle für Nachwuchsbergsteiger genutzt wird. Was dort mit den ornamentalen Glasfenstern eines Anton Wendling aus den dreißiger Jahren geschieht, der immerhin Fenster der Chorhalle des Aachener Doms gestaltet hat, steht in den Sternen.

1000 Quadratmeter Glasfenster von 35 Gebäuden konnte die Forschungsstelle Glasmalerei bislang retten und sicher deponieren. Vieles aber verschwindet „irgendwie” und taucht gelegentlich in Einzelteilen auf dem Trödelmarkt wieder auf. Annette Jansen-Winkeln empört solch ein frevelhafter Umgang: „Glasmalerei wird nicht geschützt, sie wird mit Füßen getreten.” Ihr Appell: „Man sollte den Kunstwerken doch erst einmal die Zeit von drei Generationen gönnen.” Denn die Erfahrung sagt: Moden wechseln nicht nur, sie kehren auch wieder zurück.

Manches Kirchenfenster erscheint dabei lebensnäher als geahnt, der Braunkohlebagger und die wabernden Wolken der Kühltürme in den Fenstern von St. Josef in Erkelenz-Hetzerath stellen durchaus keine Ausnahme dar. Eher schon der St. Aloysius in der Katholischen Kirche St. Joseph in Gelsenkirchen-Schalke im Fensterbild von Walter Klocke. Der Heilige trägt Fußballschuhe, und zwischen den Füßen liegt ein Ball, in den Farben - keine Frage - Blau und Weiß.