Lesung mit Michael Köhlmeier im Aachener Dom

Lesung im Dom : Ein magischer Abend im Aachener Dom

Ganz am Ende, als er von dem kleinen Podest steigt, auf dem er gelesen hat, verbeugt sich ein bescheiden lächelnder Michael Köhlmeier vor der applaudierenden Menge und zieht sich seinen dunklen Wollmantel zu. Es habe ihn, wird er nachher im Gespräch erzählen, tatsächlich ein wenig gefröstelt.

Als Kritik an der Veranstaltung sei das aber bitte nicht zu verstehen, er habe sich ausgesprochen wohl gefühlt im Aachener Dom, hier zu lesen, das sei eine Ehre, das sei besonders.

Die, die gekommen sind, um den 69-Jährigen zu erleben, werden es ebenso empfunden haben. Köhlmeier zuzuhören, einfach nur still dazusitzen und seiner angenehm sanften Stimme zu lauschen, den kleinen Pausen, die er macht, ehe er wieder Tempo aufnimmt in seinem Vortrag, das ist sogar sehr besonders. Und wenn es nicht so abgedroschen wäre, dann würde man an dieser Stelle das Bild von der zu Boden fallenden Stecknadel bemühen. Gefroren haben wird im Übrigen nur der Schriftsteller selbst, denn allen anderen dürfte es angenehm warm ums Herz gewesen sein.

Köhlmeier, der aus seiner Heimat im österreichischen Vorarlberg nach Aachen gekommen ist, wo er 2014 mit dem Walter-Hasenclever-Preis ausgezeichnet wurde, reiht sich ein in die illustre Schar derer, die in den vergangenen Jahren auf Einladung der Europäischen Stiftung Aachener Dom bei der Veranstaltungsreihe „Literatur zur Nacht: Sub Corona“ gelesen haben, darunter Herta Müller (2011), Arno Geiger (2012) und Ralf Rothmann (2017). Michael Wirtz, Vorsitzender des Beirats der Europäischen Stiftung Aachener Dom, nennt Köhlmeier in seiner Begrüßung einen „leidenschaftlichen Anwalt der Menschen“. Wirtz dankt der Initiatorin der Literaturreihe, Professor Birgit Lermen. Musikalisch begleitet wird die Lesung von Iseon Kim, Violine, und Professor Herbert Görtz an der Orgel.

In Anwesenheit von Aachens früherem Bischof Heinrich Mussinghoff führt der Direktor der Katholischen Akademie Berlin, Joachim Hake, in Köhlmeiers Lesung aus der Novelle „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ ein – alleine dieser Programmpunkt ist das Kommen wert. Dabei zielt Hake unter anderem auf die Figuren in Köhlmeiers Werken ab, darunter der Politiker Winston Churchill und der Clown und Tramp Charlie Chaplin aus „Zwei Herren am Strand“ (2014) und der Heilige Antonius von Padua, der Held aus „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ (2017). „Diese außergewöhnlichen Leben“, sagt Hake, „sind bestimmt von Neid und Bewunderung, Einsamkeit und Verletzbarkeit und Michael Köhlmeier erzählt ihr Leben in der Haltung rettender Verwandlung, in dem das, was wir historisch von ihnen zu wissen glauben, in eine Erzählung verwandelt wird.“

Wie sehr Köhlmeier, der erst im August mit „Bruder und Schwester Lenobel“ einen bemerkenswerten neuen Roman veröffentlicht hat, die Menschen an diesem Abend im Dom mit der Art und Weise seines Vortrages in seinen Bann zieht, bringt Generalvikar Andreas Frick in einem sympathischen Schlusswort auf den Punkt. Dabei ist Frick von dem, was er zuvor erlebt hat, dermaßen beeindruckt, dass er sein Redemanuskript kurzerhand bei Seite schiebt, weil alles, was er sich zuvor überlegt hat, dem Moment nicht gerecht werden kann. „Dankesworte“, sagt er sichtlich bewegt, „können nicht die Höhe halten.“

In einem Interview für das Magazin „Buchkultur“ hat Michael Köhlmeier kürzlich an seine Großmutter erinnert, die ihm, als er noch ein Kind war, oft mit monotoner Stimme Geschichten erzählt habe und dabei immer leiser und leiser geworden sei. „Dadurch war ich gezwungen, immer näher an sie heranzurücken, und am Schluss bin ich direkt an ihr gelegen. Das war fast eine Art Dämmerzustand. Das hatte etwas ganz Magisches.“ Eben diese Magie ist an diesem bemerkenswerten Abend vom ersten Moment an auch im Dom zu spüren.