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Kornelimünster: Lack, Blei und andere Wahrheiten

Kornelimünster : Lack, Blei und andere Wahrheiten

Der Aachener Bildhauer Joachim Bandau (72) beharrt darauf: „Dies ist keine Retrospektive!”, gibt seiner Ausstellung in der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster den lapidaren Titel „Quodlibet” (was beliebt) und legt dem Besucher einfach einen Haufen Eisen-Bodenskulpturen auf Europaletten vor die Füße.

Understatement, dein Name ist Bandau... Und es ist doch eine Retrospektive - nur: Die Werke aus 41 Schaffensjahren sind nicht chronologisch geordnet, sondern als Werkgruppen einander konfrontiert. Diese Schau wiederum korrespondiert mit der seiner Schülerin Johanna Roderburg im Nordflügel.

Beide Künstler finden auch international breite Anerkennung. Maria Engels, die Leiterin der Sammlung „Kunst aus NRW” in Kornelimünster, rückt im Streit zwischen der Stadt und der Düsseldorfer Landesregierung um den Standort der Einrichtung ihr Haus mit dieser Doppelausstellung als „Aachener” Einrichtung gehörig in den Mittelpunkt.

Im Grunde Unvereinbares bildet in den Räumen des Mitteltrakts spannungsvolle Gegensätze und offenbart Bandaus eigenständigen bildhauerischen Weg. Neuerdings beschäftigen ihn „fliegende” schwarze und rote Lackstücke, die ringsum auf den Wänden gelandet sind.

Er hat sie in Burma in zwei Spezialwerkstätten anfertigen lassen, wo Menschen wie vor 1000 Jahren Naturharze Schicht für Schicht aufeinanderstreichen und einen Glanz erreichen wie Experten mit der Spritzpistole.

Die Lackschichten erzeugen dabei einen Hauch von erhabener Räumlichkeit, die den Künstler fasziniert. Umflattert von diesen neuen Lackstücken: eine massive Eisenguss-Skulptur von 1986.

Und so finden sich in den einzelnen Räumen verteilt die unterschiedlichsten Werke, denen man nicht zutraut, dass sie von einem einzelnen Künstler stammen: figurative Lackarbeiten aus den Anfängen, organoide Objekte aus den 60ern und 70ern, gedrungene Bunker-Skulpturen aus Blei und Stahl aus den 80ern, Wandobjekte und seine hauchzarten grauen Aquarelle.

Stets geht dabei den jeweiligen formalen Neuansätzen ein inhaltlicher Impuls voraus, sei es eine Bonner Abhöraffäre, die ihn zu einer Art Telefon mit Brauseköpfen („Hörchelmonument”) motivierte oder die Monströsität der Bunker des Westwalls.

Johanna Roderburg spürt auf ihre Art besonderen Räumen nach und dem Faszinosum, mit der Malerei in der Zweidimensionalität eine Illusion des Dreidimensionalen zu erreichen.

Die Kugelform ist dabei ihr Ei des Kolumbus. Vor allem aber malt sie Ausschnitte von Pressefotos, bläht sie überdimensional auf und richtet dabei den Blick in Räume der Macht: Sie zeigt zum Beispiel Wladimir Putin mit einer Kugel zwischen den Händen, offensichtlich rätselnd, was er damit machen soll.

Oder Angela Merkels Büro mit einem repräsentativen Adenauer-Porträt von Kokoschka. Und das Geburtszimmer von Papst Benedikt, bieder, fast leer und eigentlich bedeutungslos - und doch bewahrt wie eine moderne Reliquie. „Bube, Dame, König, Papst” nennt Johanna Roderburg ihre Ausstellung, die von Wahrheit und Täuschen handelt. „Wahrheit” betitelt sie das Bild mit den roten Schuhen des Papstes, die möglicherweise von Prada angefertigt wurden - was aber ein Geheimnis bleibt...