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„La Grande-Duchesse de Gérolstein“ in Aachen: Ein Traum in Pink

Premiere am Theater Aachen : Ein Operetten-Traum in Pink

Mit „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ feiert das Theater Aachen Jacques Offenbachs 200. Geburtstag. Joan Anton Rechi inszeniert – mit Humor und Konfetti. Jori Klomp dirigiert – mit viel Temperament.

Ein Traum in Pink. Für diesen dritten Akt hat sich die Gewandmeisterei des Theaters derart ins Zeug gelegt, dass Zeitgenossen mit Rosa-Allergie fluchtartig den Saal verlassen müssten. Gott sei Dank gibt’s solch krankhafte Überempfindlichkeiten nicht, jedenfalls nicht in Aachen, wo mit der Operette „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ Jacques Offenbachs 200. Geburtstags gedacht wird. Also bleibt das Parkett voll bis zur letzten Minute. Man ist mitnichten verschnupft, sondern amüsiert. So soll’s sein.

Musikalisch wunderbar mitreißend

Joan Anton Rechi, Regisseur aus Andorra, ist für seine humorvollen Inszenierungen bekannt und beliebt. Nicht nur in Aachen, inzwischen auch an etlichen größeren Opernhäusern. Dass witzig zu sein nicht jedem Werk guttut, sei hier nur am Rande bemerkt. Bei Offenbachs „Großherzogin“ ist das natürlich kein Problem. Sie ist eine der bekanntesten Operetten aus der Feder des Wahl-Franzosen aus Köln. Ihr Fett bekommen seine Lieblingsfeinde ab: der Adel und das Militär. Und Rechi ist das nicht die Bohne unangenehm.

Deshalb erzählt er die reichlich abstruse Geschichte um den unfreiwilligen Aufstieg und Fall des einfachen Soldaten Fritz auch ganz geradeheraus. Am Schluss erhält jeder Topf sein Deckelchen, so ziemlich alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Sogar die Schießbudenfigur von General, treffender Weise Bumm mit Namen, freut sich des wiedererlangten Federschmucks. Die Konfetti-Kanonen donnern und dann der Beifall.

Mit Piff und Paff hatte der Abend auch begonnen. Diesmal zuständig die Trömmelchen-Abteilung im Sinfonieorchester Aachen, angeführt vom überaus temperamentvollen Chordirektor des Hauses, Jori Klomp, der seine Feuertaufe im Graben exzellent bestand. Klomp hat nicht bloß Sinn für Ohrwürmer, er kann ganz wunderbar mitreißend am Rad drehen, das das Tempo und damit fast das ganze Ensemble auf der Bühne ins Schleudern bringt. Weil er das aber gerade mit dem großen und sehr präsenten Chor und Extrachor intensiv geprobt hat, fliegt hier niemand aus der Kurve, im Gegenteil: Manche musikalische und inszenatorische Länge vergeht wie im Fluge.

Der Regisseur tut das Seine. Er lässt die Menschenmassen auf der Bühne hübsch choreographiert mit Armen und Beinen fuchteln, die rhythmischen Bewegungen reichen von Marsch bis Cancan, eigentlich wuselt es immer irgendwo.

Derlei Erfreuliches konnte man erwarten von einem Rechi-Operettenabend. Richtig nett aber wird die Geschichte durch Irina Popova. Sie ist im Aachener Ensemble eigentlich die Frau fürs jugendlich-dramatische Sopranfach, als Großherzogin mutiert sie zur Granate in Rosa. Wie sie schon zu Beginn in schönster Hape-Kerkeling-Manier das Königin-Beatrix-Winkewinke ausprobiert; wie sie unter kokett-türkis Wimpern-Klimpern den strammen Jungs in Uniform an die Wäsche geht; wie sie es schafft, eine Frau zu verkörpern, die bei aller Macht und Fülle auch eine verletzliche Seite hat – das ist großes Kino. In ihrem Ballkleid, dessen Pailletten-Dekor eine Mischung aus Kneifzange und Gottesanbeterin darstellt, überstrahlt sie den gesamten dritten Akt.

Hier darf Patricio Arroyo dem Fritz noch einmal seinen herrlich leichten Tenor leihen und macht das mit einer ausgelassenen Lust am Spiel mit den feurigen Damen seines Lebens, dass man begeistert sein muss. Ja, seine süße Wanda (Suzanne Jerosme) und er dürfen ihre Hochzeit mit großherzoglicher Gnade erleben, ebenso wie Schlafmützen-Prinz Paul (mehr als tonschön Soon-Wook Ka) und die Titelheldin. Beide Paare irgendwie ernüchtert und auf dem Boden der Wirklichkeit.

Das gilt irgendwie auch für die übrigen Figuren des Abends, unter denen Pawel Lawreszuks General Bumm die witzigste wäre, gäbe es da nicht den Nepomuck, den Adjutanten der Herzogin. Ihn spielt Takahiro Namiki mit solch unbändiger Lust am Tuntigsein, dass er nicht nur die meisten Lacher, sondern auch einen Extra-Applaus einheimst. Aachen feiert das Offenbach-Jahr.