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Aachen: „La fedeltà premiata“: Liebes-Kuddelmuddel zwischen Wald und Kantine

Aachen : „La fedeltà premiata“: Liebes-Kuddelmuddel zwischen Wald und Kantine

Routine wird da nicht aufkommen. Nicht nur, weil die elf Sänger und 36 Musiker unterm Kronleuchter des Aachener Theaters große Augen machen und immer mal wieder staunend zum zweiten Rang hochspähen, weil für sie Bühne und Orchestergraben eher noch unbekanntes Terrain sind.

Sondern auch, weil die Oper, die die Studenten der Musikhochschule Köln und Aachen da auf die Bretter bringen, vor den Proben eigentlich keiner kannte. Sopranistin Anna Christin Sayn, mit 23 Jahren „das Küken der Produktion“, sagt sogar ganz offen: „Mir war nicht bewusst, dass Haydn Opern geschrieben hat — und dann so viele.“

Eine davon ist „La fedeltà premiata“ (Die belohnte Treue), 1781 uraufgeführt und erst vor rund 50 Jahren wieder vollständig veröffentlicht, eine Rarität auf deutschen Spielplänen. Dramaturg Christoph Lang aber hatte das heitere Schäferspiel mit ernsten Anklängen in München erlebt, war fasziniert und schlug es dem Direktor der Aachener Musikhochschule, Herbert Görtz, für die jährliche Koproduktion mit dem Theater vor. Auch für den 61-jährigen Professor war diese Oper Neuland, aber mit seinen Studenten hatte er 2009 bereits „beste Erfahrungen“ mit Haydns komischer Oper „Il mondo della luna“ gemacht.

Und auch jetzt schwärmt der Dirigent: spannend, flott, virtuos — und scheut nicht den Vergleich mit Mozarts „Figaro“ oder „Cosí fan tutte“. „Eine Oper, die junge Leute nicht überfordert, aber höchste Ansprüche stellt.“

Auch inhaltlich. Die Geschichte erzählen? Lassen wir das lieber. Opern mit abstrusem Libretto gibt es ja bekanntlich etliche. Aber „La fedeltà premiata“ ist in dieser Hinsicht wirklich ein Highlight. „Eine nicht ganz unkomplexe Story“, sagt Dramaturg Lang mit einem Grinsen. Und Tamara Heimbrock, seit dieser Saison am Haus Regie-Assistentin, die das Ganze in Szene setzt, geht auch lieber nicht ins Detail. Nur so viel: In dem „total lustigen und wahnsinnig berührenden Ensemblestück“ dreht sich alles ums Verwirren, Verstecken, Verdrehen von Partnerschaften. Der Kuddelmuddel an Missverständnissen und Liebesintrigen wird angeheizt durch eine seltsame Strafe der Jagdgöttin Diana: Einander treu Liebende müssen einem Seeungeheuer geopfert werden. Wer will da schon offen treu sein?

Schöne Arien, harte Ohrfeigen

Die 28-Jährige hat die ursprünglich in der Antike angesiedelte Handlung nicht zwanghaft ins Heute von Tinder oder anderen Datingportalen gezerrt. Trotz aller amourösen Verstellungen gehe es um bedingungslose, große, echte Gefühle — „da bin ich ganz romantisch“, sagt die Regisseurin. Allerdings hat sie eine Rahmenhandlung erfunden: „Wir spielen Theater!“

Mit Käsebrötchen oder Kaffeebecher kommen die Sänger zu Beginn als Sänger aus der Kantine auf die Bühne. Ein Spiel im Spiel — macht das nicht alles noch komplizierter? Nein, meint Tamara Heimbrock, „die besonderen Richtungswechsel“ der Figuren mache das nachvollziehbarer. Einfach — klingeling — durch einen Szenenwechsel! Wenn doch noch ein „Warum?“ quält, habe sich folgende Antwort bewährt: „Weile_SSRqs lustig ist!“ Und sportlich obendrein. In der rotierenden Podestlandschaft mit Wald gehte_SSRqs rauf und runter — Klappe auf, Klappe zu — rein und raus. Zwischen allerlei wildem Getier wie Bär, Wildschwein oder Schaf gibte_SSRqs Prügel, Schüsse, Stiche. Auch ein Kampfchoreograph hat Hand angelegt.

„Ich bekomme die meisten Ohrfeigen“, jammert Tenor Jiyuan Qiu — aber auch die erste Arie des Abends. Der 27-jährige Chinese jubelt ebenfalls über die „sehr schöne Musik“. Aber für junge Leute? „Die hören eher Bruno Mars oder Lady Gaga, nicht Haydn oder Mozart.“ Das weiß Jiyuan Qiu auch. Dennoch hat er Musikschnipsel aus der Oper als Werbung in seinen Bekanntenkreis verschickt — und schon drei Tickets gebucht. Für drei Frauen. „Die mögen das besonders!“

Da kann es der Tenor verschmerzen, dass seine zweite Arie gestrichen wurde. Nicht etwa, weil er sie nicht stemmen könnte, sondern mit Blick auf die Uhr. „Würden wir die Oper ganz spielen, würde sie fünf Stunden dauern“, meint Görtz. In Aachen soll sie nun zweieinhalb bis drei Stunden dauern — inklusive Pause. Für die Zuschauer also keine allzu große sportliche Herausforderung.