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Aachen: „La Cage aux Folles“: Zwischen Show und Feingefühl

Aachen : „La Cage aux Folles“: Zwischen Show und Feingefühl

Wenn sich der üppig geraffte Vorhang hebt, glitzern die Illusionen im bunten Scheinwerferlicht, und jede sorgfältig einstudierte Bewegung wird zur Verführung. Doch man spürt sie bereits fast körperlich: die schmerzhaften tiefen Risse, die sich durch die Glamour-Fassade ziehen, und die Angst dieser Nachtschmetterlinge, dass ihre Zeit bald vorbei ist. Was dann?

Mit dem Musical „La Cage aux Folles“ greift das Grenzlandtheater Aachen in seiner Gala-Produktion erneut nach einem höchst anspruchsvollen und weltberühmten Stoff. Das ursprüngliche Stück von Jean Poiret (1973) wurde bereits 1978 verfilmt und setzte sich 1983 als Broadway-Musical mit dem Libretto von Harvey Fierstein und der Musik von Jerry Herman durch — sechs Tony Awards sind der Beweis.

Die Lippen glänzen, die Locken sitzen, die Federn wallen: Samuel Schürmann ist als Travestie-Star Zaza alias Albin der Star des Abends.
Die Lippen glänzen, die Locken sitzen, die Federn wallen: Samuel Schürmann ist als Travestie-Star Zaza alias Albin der Star des Abends. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Mit einem Regisseur wie Ulrich Wiggers, der bereits zahlreiche eindrucksvolle Produktionen für das Grenzlandtheater realisiert hat (man denke an „Der Mann von La Mancha“), konnte es Intendant Uwe Brandt wagen, auch ein so großes Musical wie „La Cage aux Folles“ auf die kleine Bühne zu holen, die ihre Erweiterung im gesamten Theaterraum findet.

Live-Band spielt über der Bühne

Bereits im Foyer werden die Premierengäste mit Livemusik begrüßt, den Zuschauerraum schmücken plüschige Stoffe, üppige Gemälde und klirrende Wandleuchten. Alles klar: Wer hier nach seinem Platz sucht, ist Gast der Travestie-Show im „Käfig voller Narren“.

Wie der kleine Club haben auch die auftretenden Künstler weit bessere Zeiten gesehen. Wiggers erzählt zügig und einfühlsam mit einem glänzend aufeinander eingespielten Ensemble die vielschichtige Geschichte, wobei ihm eine Mischung aus frechem Witz, mutigem Überlebenswillen und anrührender Melancholie gelingt. Die Stimmungswechsel sind manchmal atemberaubend rasch.

Die im Obergeschoss der Bühne auf engstem Raum agierende Band unter der Leitung von Stephan Ohm (Klavier/Keyboards, auch Christoph Eisenburger) ist zuverlässiger Partner der singenden und tanzenden Akteure. Hier in der Zwischenetage wurden Bass (Stefan Berger), Klarinette (Heiko Bidmon/Martin Schäfer), Schlagzeug (Steffen Thormälen) und Akkordeon (Sebastian Brandmeir) untergebracht, und trotz der Enge klingt alles bestens.

Im Vordergrund des Stücks steht ein alterndes homosexuelles Liebespaar: Clubbesitzer Georges (Gido Schimanski) und sein Star Albin (Samuel Schürmann), der als luxuriöse Zaza allabendlich das Publikum fasziniert. Hat es bei den beiden ohnehin schon gekriselt, scheint die mühsam aufrechterhaltene Welt zu zerbrechen, als Georges‘ Sohn Jean-Michel, Kind aus einer kurzen Beziehung, seinen zukünftigen (konservativen) Schwiegereltern ein „normales“ Elternhaus präsentieren möchte.

Samuel Schürmann ist nicht nur in traumhafter Revue-Garderobe (prächtige Kostüme: Noelie Verdier) Star des Abends. Mehr und mehr spielt er sich in die Herzen des Publikums und lenkt sehr bald mit ausgeprägter Körpersprache (achten Sie auf die Hände!) den Blick vom Paradiesvogel-Dasein mit wallendem Federschmuck zum inneren Drama eines Menschen, der Angst vor Alleinsein und Liebesverlust hat. Grandios, wenn er in voller Fahrt als Zaza alles auf der Bühne beiseitefegt. Bewegend, wenn er als Albin still verzweifelt und rührend, wenn dann endlich doch noch wahr wird, was er sich brennend wünscht. Gido Schimanski ist ihm als Georges ein feinsinniges Gegenüber, souverän als Clubbesitzer, verzweifelt in der Lebenskrise — und überzeugend verliebt. Wie schön, wenn nach der beschwingten Szene des jungen Liebespaares (Robin Koger als flotter Jean-Michel und Céline Vogt als süße Anne) mit gleicher Melodie die alte Liebe erfolgreich beschworen wird.

Der Zuschauer wird in jedem Moment gut unterhalten: Es gibt geschickt choreographierte Tanzszenen (Marga Render) zwischen Bollywood, Tina-Turner-Tango und Musette, große Songs, allen voran „Ich bin, was ich bin“ — von Schürmann mit Kraft und großem Gefühl als Hymne und Aufforderung zur Toleranz interpretiert — und einen schlüssigen Wechsel zwischen konkreter Handlung und glitzernder Action.

Die zahlreichen gut ausgestalteten kleineren Rollen rund um das Kern-Paar sorgen dafür, dass das Stück spannend bleibt, ob nun Guy Van Damme als dunkelhäutiges „Hausmädchen“ mit schrägen Bühnenambitionen, Urs-Werner Jaeggi als fanatisch-konservativer Eduard Dindon mit Ehefrau Marie (Ilka Sehnert), die indisch angehauchte Restaurant-Queen Jacqueline (Katrin Höft), die tanzenden und singenden Damen des Clubs, unter denen der rundliche André Haedicke eine mutige Haremsdame verkörpert, Dominik Bopp, Sebastian Brandmeir, Danny Marandola und Oliver Schaffer eindrucksvoll die langen schönen Beine werfen.

Das bunte Bühnenbild von Matthias Winkler ist variabel, ein bisschen wackelig und so kurios wie die ganze Geschichte. Insgesamt eine schlüssige, gut gelungene Inszenierung bei der temporeiche Szenen und stille Momente gleichermaßen zur Geltung kommen. Zum Schlussapplaus hält es das Publikum nicht mehr auf seinen Plätzen, langer, euphorischer Beifall für eine große Leistung.