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Aachen: Kurpark Classix: Bühne frei für Pathos, Glamour und Klang

Aachen : Kurpark Classix: Bühne frei für Pathos, Glamour und Klang

Hochkarätig, engagiert und hier und da etwas unterkühlt. So könnte man in knappen Worten die Kurpark Classix 2015 umschreiben. Gewaltige Regenwolken sorgen nicht nur zum Auftakt „A Night at the Opera“ für zusätzliche Dramatik.

Sopranistin Linda Ballova zittert jedenfalls heftig im luftig gelb wehenden, schulterfreien Abendkleid, genauso wie einen Abend später Broadway-Star Ute Lemper in ihrer schwarz glitzernden (im zweiten Teil roten) Robe. Lichteffekte mit viel Fantasie lassen die ungemütliche Umgebung hin und wieder vergessen. Ein heftiger Gewitterregen bildet den Schlussakkord bei „Classix for Kids“, intelligenter Spaß für Kinder und Erwachsene mit einem schlagfertigen Malte Arkona.

 Vergnügliche Aktionen, Spaß und Temperament: Entertainer und Moderator Malte Arkona (vorn) sorgt für eine große Polonaise bei „Classix for Kids“. Die Kinder sind begeistert und rennen mit ihm über die Tribüne.
Vergnügliche Aktionen, Spaß und Temperament: Entertainer und Moderator Malte Arkona (vorn) sorgt für eine große Polonaise bei „Classix for Kids“. Die Kinder sind begeistert und rennen mit ihm über die Tribüne. Foto: Andreas Steindl

Große Stimmen

Großer Ernst prägt den ersten Teil des Opernprogramms. Nach dem festlichen „Einzug der Gäste“ aus Richard Wagners „Tannhäuser“ ist Schwermut angesagt. Wunderschön die Stimmen, ob nun Linda Ballova mit ihrem leidenschaftlich strahlenden Sopran oder der feinsinnige und zugleich kraftvolle Tenor Chris Lysack. Sopranistin Camille Schnoor gibt ihrer „Giuditta“ Glut und Verführungskraft, Bariton Hrólfur Saemundsson rührt mit barocker Gesangskultur und sympathischer Spielfreude. Auch Tenor-Kollege Patricio Arroyo begeistert. Ihn holt sich Moderator Arkona, der selbst die bitter-traurige Geschichte zu Puccinis „Manon Lescaut“ mit einem Augenzwinkern erzählt und geschickt durch den Abend führt, sogar zum Interview. Der Alptraum eines Sängers? „Ich träume öfter, ich komme zur Probe und soll eine Arie singen, die ich gar nicht kenne, schrecklich!“ erzählt Arroyo freimütig. Bei Kurpark Classix passiert ihm das nicht. „Pathos pur“ lautet das Motto, und so erklingen nicht nur die Ouvertüre zu Richard Wagners Frühwerk „Rienzi“ sondern zusätzlich das Gebet des Protagonisten, innig von Chris Lysack gesungen. Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck hat geschickt jene Publikumslieblinge in Szene gesetzt, die in Produktionen der neuen Spielzeit zum Einsatz kommen.

Bestens vorbereitet zeigen sich Opern-, Theater- und Sinfonischer Chor. Zuverlässig und gut auf die Sänger eingestimmt sorgt das Sinfonieorchester Aachen unter der konzentrierten und einfühlsamen Leitung von Generalmusikdirektor Kazem Abdullah für den guten Klang — wo es doch von Veranstalter Christian Mourad, der Publikum, Sponsoren und Mitstreiter begrüßt, bereits den Titel „Klang-Juwel des Festivals“ erhalten hat.

Vielseitigkeit und Können beweisen die Musiker und ihr Dirigent gleichfalls bei der mit Spannung erwarteten Ute Lemper. Sie präsentiert in präzise zwei Mal 45 Minuten einen Querschnitt durch ihr enormes Repertoire, eine klar strukturierte Perfektionistin auf der Bühne, die mit der Sicherheit einer Hochseilartistin agiert, das Spektrum ihrer Stimme, mit der sie nahezu alles machen kann, kraftvoll einsetzt, sparsam in der Bewegung, jedoch mit sinnlich schlangengleichem Hüftschwung. Sie selbst begleitet die Zuschauer mit kleinen Geschichten zu großen Songs durch ihre Erfolge. Die Reise führt von Paris über Buenos Aires bis New York und wieder zurück.

Mit dem Auftritts-Titel „Milord“ erobert Ute Lemper ihr Publikum blitzschnell und enttäuscht auch im weiteren Programm nicht. „Bonsoir Aachen! Comment ça va?“ Ein Gruß an die Stadt und ihren Oberbürgermeister Marcel Philipp, der begeistert zum Gast aufschaut — eine deutsche Künstlerin mit tiefer Liebe zu Frankreich, die im Ausland groß werden konnte und die Musical-Bühnen der Welt erobert hat. Ob „Cabaret“, „Dreigroschenoper“ oder „Chicago“ — für ihr Konzert im Kurpark hat sie alles im Gepäck. So sorgt sie für Begegnungen mit Edith Piaf, mit Bert Brecht und Kurt Weill oder Jacques Brel, dessen Chanson „Dans le Port d‘Amsterdam“ sie mit dem für Brel so typischen sozialkritischen Biss perfekt interpretiert. Bei Piafs flehend-schmerzlichem „Ne me quitte pas“ ist sie ganz sie selbst — das geht unter die Haut. Glamourös sind die Kompositionen von Ira und George Gershwin. Breites „Blech“ im Orchester, ganz „großes Kino“ in der Interpretation. Komplizierte Klangimpressionen werden sicher herausgearbeitet. Kazem Abdullah pflegt eine fürsorgliche Verbindung zur Solistin und beweist, wie erfahren er in diesem Genre doch ist. Jubel nach einzelnen Titeln und ein großer Schlussapplaus — Ute Lemper hat es nicht anders erwartet.

Feuerwerk fällt aus

Vom Glamour zum Kinofilm ist der Weg nicht weit: Der Sonntagmorgen steht im Zeichen der Filmmusik. Malte Arkona findet in Kapellmeister Justus Thorau einen gut gelaunten Partner zu „Film ab“. Fröhliche Aktionen und schöne Musik von Erich Wolfgang Korngolds „Robin Hood“ über „James Bond“ bis „Casablanca“ ergänzen einander. Arkona zeigt hier nicht nur sein komisches und schauspielerisches Talent. Bei der Titelmusik zu „Star Trek“ glänzte er durch seinen strahlenden Sopran.

Olga Scheps wird nicht von Glitzern am Himmel erhellt. Das Feuerwerk am Sonntagabend muss wegen unberechenbarer Windverhältnisse leider ausfallen. Am Montag dann „Da Capo“: Lionel Richie kommt mit Band auf die Bühne. Es gibt an der Abendkasse noch Tickets für die Kurpark-Wiese.