1. Kultur

Düsseldorf: Kunstsammlung NRW: Mit 88 Bildern von Paul Klee fing alles an

Düsseldorf : Kunstsammlung NRW: Mit 88 Bildern von Paul Klee fing alles an

NRW ist nicht nur das Bundesland mit den meisten Einwohnern, sondern auch das mit den meisten Theatern, Orchestern, Museen, Galerien oder Bibliotheken.

Und selbst notorische Bildungsmuffel kennen die Namen Beuys und Böll, haben von den Ruhrfestspielen, der Ruhrtriennale oder den Kurzfilmtagen in Oberhausen gehört, die das Image des Kulturlandes ebenso prägen wie die Künstlerriege Lüpertz und Immendorff, Polke und Richter, die aus NRW stammen.

 Eine der erfolgreichsten Ausstellung in der Kunstsammlung NRW: die große Beuys-Retrospektive im Jahr 2010. Unser Bild zeigt die Installation „The Pack (das Rudel)“ aus dem Jahr 1969.
Eine der erfolgreichsten Ausstellung in der Kunstsammlung NRW: die große Beuys-Retrospektive im Jahr 2010. Unser Bild zeigt die Installation „The Pack (das Rudel)“ aus dem Jahr 1969. Foto: dpa

Aber kann Kultur auch identitätsstiftend sein? Vielleicht hatte genau das der CDU-Ministerpräsident Franz Meyers im Sinn, auf dessen Initiative 1961 die Kunstsammlung in der Landeshauptstadt gegründet wurde — als privatrechtliche Stiftung zum Zweck der öffentlichen Sammlung und Ausstellung des Kunstbesitzes. Sie ist die einzige landeseigene Kultureinrichtung in der von kommunaler „Kulturhoheit“ geprägten Landschaft. Ob sie tatsächlich das „Staats- und Raumbewusstsein der Bewohner für das junge und heterogene Land“ gehoben hat, wie es Meyers damals vorschwebte, müsste vielleicht mal wissenschaftlich-empirisch geklärt werden.

Tatsache ist aber: Die Kunstsammlung NRW gilt heute als eines der wichtigsten europäischen Museen für die Kunst der Klassischen Moderne und darüber hinaus. Sie ist das kulturelle Aushängeschild des Bundeslandes. Das ist doch schon mal was.

Mit 88 Gemälden und Zeichnungen von Paul Klee fing alles an. Sechs Millionen Mark, aus heutiger Sicht ein Spottpreis, wollte der US-Unternehmer G. David Thompson dafür haben. Das Land griff zu und machte die Werke zum Kernbestand der Kunstsammlung. Dies galt als aufsehenerregender Akt der moralischen Wiedergutmachung, denn Klee hatte bis zum Machtantritt der Nazis 1933 als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie gelehrt und war als „entartet“ aus dem Amt vertrieben worden.

Der Gründungsdirektor der NRW-„Nationalgalerie“, Werner Schmalenbach, baute in seiner Amtszeit (1962-1990) eine erlesene Sammlung mit Malerei der Klassischen Moderne auf — Matisse, Picasso, Braque, Kirchner, Beckmann, Ernst, Kandinsky, Klee, Mondrian. Nachfolger Armin Zweite (1990-2007) erweiterte die Sammlung um zahlreiche Werke der Gegenwartskunst, Skulpturen und Installationen.

Die Nachkriegskunst ist vor allem durch amerikanische Maler wie Jackson Pollock, Robert Rauschenberg, Andy Warhol vertreten. Für die deutsche Nachkriegskunst stehen Werke unter anderem von Richter, Uecker und Beuys, die alle als Professoren an der nahen Düsseldorfer Kunstakademie gelehrt hatten. Unter Zweite erwarb die Kunstsammlung einen repräsentativen Bestand von Beuys-Werken, unter anderem dessen letztes großes Werk „Palazzo Regale“.

Neben dem Stammhaus am Grabbeplatz (K20) hat die Kunstsammlung zwei weitere Standbeine in Düsseldorf: das K21 im Ständehaus, dem ehemaligen NRW-Landtag, sowie das Schmela-Haus in der Altstadt. Sie sind mit der Zeit zum 1986 in Dienst genommenen Stammhaus (vorher war die Sammlung im Schloss Jägerhof untergebracht) hinzugekommen, das Mitte 2010 nach zweijähriger Umbauphase wiedereröffnet wurde.

Da war die derzeitige Direktorin Marion Ackermann ein knappes Dreivierteljahr im Amt. Sie verpasste auch dem Konzept eine Frischzellenkur: Sie öffnete die Kunstsammlung konsequent auch für Künstler, die als „marktfern“ gelten — und erntete dafür teils Lob, teils Kritik. Sie wolle „keine Blockbuster machen, die man schon 1000 Mal gesehen hat“, sagte Ackermann einmal. Konsequent präsentierte sie mehr Künstlerinnen, öffnete die beiden Haupthäuser für junge und experimentierfreudige Künstler, verantwortete aber in den vergangenen Jahren auch hochkarätige Ausstellungen etwa zu Joseph Beuys oder Günther Uecker, die zu Publikumsmagneten wurden. 80.000 Besucher wollten 2015 etwa die Uecker-Werke sehen, 103 000 die von Beuys im Jahr 2010.

Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 270.000 Menschen in die Kunstsammlung mit ihrer Ausstellungsfläche von insgesamt mehr als 10.000 Quadratmetern. Darin eingerechnet sind allerdings auch die Teilnehmer am pädagogischen Angebot. Ackermann lässt sich — wie die meisten Museumschefs — nur ungern an Besucherzahlen messen.

„Es gibt andere Parameter des Erfolgs“, sagt sie. Dass sie das begehbare Netz des Künstlers Tomás Saraceno unter die Glaskuppel des Ständehauses spannen ließ, beweist, dass sie keine Scheu vor spektakulären Aktionen hat. Die Konstruktion in 25 Meter Höhe wird übrigens derzeit rundum erneuert. Fast 150.000 Mal wurde es nach Angaben der Kunstsammlung bis jetzt bestiegen. Der Nervenkitzel zieht halt ein Publikum an, das sonst vielleicht nicht unbedingt ins Museum gehen würde.

Der Etat des Hauses beträgt 10,5 Millionen Euro, die Hälfte entfällt allein auf die Personalkosten. Für große Sprünge reicht das nicht. Ackermann hat immer betont, dass unter dem Strick nichts für Ausstellung übrig bleibt. Die Kosten dafür müssen über Sponsoren, Stiftungen oder über das Eintrittsgeld erwirtschaftet werden. Da geht es der landeseigenen Kunstsammlung nicht anders als den allermeisten anderen Museumshäusern in NRW.

Dass Ackermann nun NRW verlässt und im November die weltberühmten Kunstsammlungen Dresden übernimmt, dass der kaufmännische Direktor Hagen Lippe-Weißenfeld in die Privatwirtschaft wechselt: Für das Haus bedeutet das wieder einmal einen tiefen Einschnitt. An dem Wert der Einrichtung für das Land wird das nichts ändern. Der zeigte sich zuletzt wieder, als es darum ging, den Ausverkauf der millionenschwere Kunstwerke zu verhindern, die sich in Besitz der einst mächtigen und nun zerschlagenen Westdeutschen Landesbank befanden.

Bei der Kunstsammlung NRW ist die Stiftung angesiedelt, in die der Großteil der fast 400 Werke überführt wird, die NRW kauft. 30 Millionen Euro kosten die 297 wichtigsten Kulturgüter, deren Marktwert aber inzwischen bereits höher liegen dürfte. Dafür nimmt die Stiftung „Kunst im Landesbesitz“ ein Darlehn in eben dieser Höhe bei der landeseigenen NRW-Bank auf. Der Kredit ist zunächst zehn Jahre lang tilgungsfrei, aus dem Kulturetat müssen aber die Zinsen in Höhe von derzeit jährlich 260.000 Euro bezahlt werden.

Die Kunstwerke bleiben also im Land. Auch das kann Identität stiften.