Kunstpreis Aachen an Walid Raad verliehen

Aachener Kunstpreis an Walid Raad : Zum Schluss sind doch alle „happy“

Ein gut gelaunter Walid Raad erhielt am Sonntag den Aachener Kunstpreis im Novotel. Nach den Querelen um den Künstler sind nun auch die Freunde des Ludwig Forums froh.

„I am so happy“, Iva Haendly, Interimsvorsitzende der Freunde des Ludwig Forums, ist erleichtert und erschöpft. Die Querelen um die Verleihung des Kunstpreises sind ausgestanden, der Konferenzsaal in einem Aachener Hotel an der Peterstraße – immerhin nicht gar so weit vom Ludwig Forum für Internationale Kunst entfernt – ist vollbesetzt.

Der Künstler Walid Raad kommt pünktlich dazu. Locker und gutgelaunt nimmt er den mit 10.000 Euro dotierten Preis entgegen. Nach ihrem „Welcome to Aachen, dear Walid“ geht Iva Haendly nochmals auf die besonderen Umstände ein und weshalb die Stadt Aachen diesmal den „Freunden“ den Rücken kehrt: „Wir bedauern außerordentlich, dass sich die Stadt aufgrund politischer Festlegung wegen der vermeintlichen Nähe des Künstlers zur BDS zurückgezogen hat“, betont sie. „Wir als Kunstverein bekennen uns zum Existenzrecht Israels und sind gegen jede Form von Antisemitismus.“

Preissumme zahlt der Verein allein

Man respektiere aber das „Recht, die derzeitige Politik Israels zu kritisieren“. Die Preissumme wird der Verein nun allein tragen müssen. Und offizielle Vertreter der Stadt Aachen sitzen nicht in erster Reihe. BDS – die Abkürzung von „Boycott, Divestment and Sanction“ – ist eine internationale politische Kampagne, die von Israel fordert, seine Politik gegenüber den Palästinensern zu ändern.

Die Verleihung läuft an, Walid Raad (52) hört still und konzentriert zu. Presse- oder Privatfotos von der Verleihung? „Nein!“, betont er konsequent und ernst. „Ich habe da eine Phobie, das will ich nicht.“ Und selbst als einer der Gäste an der offenen Tür das Mobiltelefon zückt, um ein Erinnerungsfoto zu schießen, zuckt der Preisträger zurück: „Bitte nicht!“

Die Jury: von links nach rechts Christiane Mennicke-Schwarz, Iva Haendly, Andreas Beitin und Johan Holten. Der Künstler selbst wollte sich nicht fotografieren lassen. Foto: Andreas Herrmann

Warm und mit Sympathie für die Aachener Kunst-Aktiven spricht er einen Dank aus, der zugleich in raffinierten Wortspielen zu spontaner Verbal-Aktionskunst mutiert. „Der Raum, der hier in Aachen geschaffen wurde, nicht zuletzt durch die Diskussionen, wird sich zum Universum ausdehnen“, prophezeit er.

Schlaflose Nächte, ein paar graue Haare bei der Jury mehr – all das wisse er zu schätzen als Bekenntnis zur freien Rede und als Verteidigung der Freiheit allgemein. „Sprache der Freiheit, Freiheit der Sprache, man kann über alles reden, über Menschen, Ängste, das Wetter oder das Blau und Grün der Ozeane“, sagt er mit einem leisen Lächeln und viel Poesie.

Der Mann, der in Erinnerung an den libanesischen Bürgerkrieg „The Atlas Group“ ins Leben rief und inzwischen in den größten Museen der Welt seine Fotoarbeiten, Videos, Installationen, Performances und Skulpturen präsentieren konnte, reagiert immer dann, wenn es um Geschichte und kollektive Erinnerung geht.

Das analysiert in seiner Laudatio Johan Holten, Jurymitglied und Direktor der Kunsthalle Mannheim. Euphorisch bringt er den Zuhörern das nicht leicht zu fassende bisherige Gesamtwerk des Libanesen etwas näher, der inzwischen in den USA lebt und ein weites Spektrum bietet. „Fakten und Fiktionen“ – das sei es, was Walid Raad ausmache, zugleich uralte Fragen, ob etwa ein Foto tatsächlich Realität abbilde oder nicht. Oder was Realität und Fiktion verbindet. In einem neuen Projekt, so Holten, thematisiere Raad die Arbeitsbedingungen der pakistanischen Arbeiter in den Golfstaaten.

Kein Schwarz-Weiß-Denken

Er sei ein Künstler, der auf globale Herausforderungen reagiere – immer neu, immer anders und bewegend. „Schwarz-Weiß-Denken funktioniert nicht, das wird durch ihn noch klarer“, betont Holten. Dann dürfen sich alle entspannt zurücklehnen: Antoine Pütz (Gitarre) und Sängerin Charlotte Haesen sorgen für einen charmanten musikalischen Ausklang.

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