Kunsthaus NRW: Gerhard Richter und Co in Kornelimünster

Keine Angst vor abstrakter Kunst : Gerhard Richter und Co in Kornelimünster

Tatsächlich: Die Moderne lebt. Die große Schau „Ein Jahrhundert abstrakte Kunst im Westen“ im Kunsthaus NRW in Aachen bringt nahe, was fern scheint.

Wenn es um abstrakte Kunst geht, formieren sich schnell so genannte Kunstliebhaber, die zusammenzucken und sagen: „Versteh’ ich nicht, interessiert mich nicht.“ Ihnen kann geholfen werden: zum Beispiel mit der Feststellung, dass abstrakte Kunst ganz viel mit Fotografie zu tun hat. Oder noch besser: mit dem entsprechenden Anschauungsmaterial.

Das ist jetzt ganz leicht zu finden, denn das Kunsthaus NRW in Aachen-Kornelimünster präsentiert ab Samstag eine große Überblickblicksausstellung zu dem Thema. Unter dem Motto „Gestalten – Ein Jahrhundert abstrakte Kunst im Westen“ versammeln Kunsthaus-Leiter Marcel Schumacher und sein Team zum 70-jährigen Jubiläum der Sammlung über 200 Kunstwerke in den barocken Räumen der ehemaligen Reichsabtei – vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute.

Wohl selten ist die Kunstgeschichte des Landes so dicht versammelt worden. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Jahrhundertschau: von Arp und Beuys über Campendonk, Klee, Götz, Macke, Nay, Piene, Richter und Trockel bis Uecker – hier ist einfach alles vertreten, was in der Kunst des 20. Jahrhunderts Rang und Namen hat. Dazwischen Entdeckungen, Entdeckungen, Entdeckungen ...

Interessant zum Beispiel auch die, dass die abstrakte Kunst Anfang des vorigen Jahrhunderts quasi eine Notwendigkeit war. Seit der Erfindung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts war die Abbildung der Wirklichkeit für die meisten Künstler einfach kein Betätigungsfeld mehr. Sie wandten sich den Dingen vor, hinter und zwischen den Dingen zu und schufen Kunst, die ihre Inspiration aus der Realität bezieht, aber ohne Gegenstände auskommt.

Wie ungeheuer folgenreich das war, erläutert Marcel Schumacher beim Rundgang: „Nichts von dem, was uns umgibt, ist überhaupt denkbar ohne abstrakte Kunst.“ Sie hat die Formensprache der gesamten westlichen Kultur geprägt, sämtliche Medien und unseren Blick auf die Welt beeinflusst. Damals wie heute geht es dabei immer wieder um Form und Farbe: Linie, Quadrat, Kreis, Dreieck, rot, blau, grün, gelb.

So beginnt die Ausstellung im Obergeschoss mit Nam June Paiks knallbunter Wandbildinstallation „I never read Wittgenstein“, in dem die Teststreifen eines Röhrenfarbfernsehers die Hauptrolle spielen. Das Werk aus dem Jahr 1997 gibt schon einen Hinweis darauf, dass hier kein chronologischer Rundgang zu erwarten ist. Die Ausstellungsmacher haben vielmehr einen übergreifenden Ansatz gewählt und führen den Besucher in sechs „Kapiteln“ und einem begleitenden „Raumbuch“ in die Welt von Strukturen, Mustern und Konstellation ein.

Hervorzuheben sind vor allem die 1950er Jahre, die Zeit des künstlerischen Aufbruchs im Rheinland mit Düsseldorf als einem Hotspot für junge Künstler und deren damaliger Ikone Ernst Wilhelm Nay. Vor dessen Gemälde „Sphärische Konstellation“ – eines der Hauptwerke der Ausstellung – haben sich zahlreiche Ministerpräsident ablichten lassen. Auch die erste Documenta in Kassel im Jahr 1955 – das erste international beachtete Kunstevent des Landes – findet ihre Entsprechung in einem wie damals provisorischen Ausstellungsbau, der unter anderem Werke von Emil Schumacher, Karl Otto Götz, Heinz Trökes enthält.

Kunsthaus-Leiter Marcel Schumacher vor Manfred Kuttners wiederentdeckter „Weibermühle“ (links, 1963) und Winfried Gauls „Mit rotem Winkel“ (1967). Foto: Heike Lachmann

Dann die 70er und 80er Jahre: Höhepunkt und Krise der abstrakten Kunst. Das ewige Spiel mit Form und Farbe, die Reduktion auf fast nichts schien schon fast ausgereizt, doch dann kamen Humor und Ironie in die Kunst und Künstler wie Rune Mields oder Rosemarie Trockel, die das Spiel neu interpretieren, indem sie die Abstraktion ironisch brachen und sie so wieder in die Realität brachten.

Und so geht es weiter: Unter dem Blick junger Künstler verändern sich Material und Möglichkeiten. Beispielsweise das Video „bodypainting“ des Künstlerduos Banz & Bowinkel, das Aufzeichnungen von Körperbewegungen im Raum mit Flüssigkeitssimulationen verbindet. Oder die „Rasenrolle“ von Stefanie Klingemann – ein Stück Wiese im Abteigarten, abgeschält und aufgerollt.

Die Ausstellung zeigt ebenso Überraschendes wie Wiedererkennbares und vieles, was noch nie zu sehen war. Von Künstlern, die heute Megastars sind, und von solchen, die gar nicht mehr oder noch nicht bekannt sind. Sie bringt nahe, was fern scheint. Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Die Moderne lebt.

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