Von bunten Kühen und gewaltigen Bären: Einzigartiges Projekt im „Glo’Art“ für die Öffentlichkeit zugänglich

Von bunten Kühen und gewaltigen Bären : Einzigartiges Projekt im „Glo’Art“ für die Öffentlichkeit zugänglich

In einem riesigen Park im belgischen Lanaken stehen mehr als 1600 Werke von 300 Künstlern aus 60 Ländern. Nun ist das einzigartige Projekt auch für Besucher zu besichtigen.

Mit Alice das Wunderland erkunden – kein Märchen. Im belgischen Neerharen-Lanaken hat sich der 80-jährige Willy Gilissen diesen Traum erfüllt und eine Landschaft der Gefühle, Träume und überschäumenden Fantasien geschaffen. Der Textilunternehmer aus den Niederlanden, der mit Fleiß, geschickter Handelsstrategie und einem sicheren Instinkt für das Phänomen von Kaufen und Verkaufen ein Vermögen gemacht hat, gönnt sich die Realisierung eines ungewöhnlichen Projekts.

„Schon als Kind hatte ich Lust zu zeichnen, aber so gut konnte ich es nicht“, erzählt Gilissen, der von Ehefrau Madeleine und einem sorgfältig ausgewählten Spezialisten-Team tatkräftig unterstützt wird. „Ich hatte keine Lust, nach meiner Pensionierung Golf zu spielen, ich wollte etwas Neues machen“, sagt er – und entwickelte sich zum Kunstmäzen. „Mein Vater hat mit einem kleinen Kontingent von Schürzen angefangen, die er aufkaufte und weiterverkaufte“, erinnert er sich. „Das erste, was ich von ihm gelernt habe, war die Fähigkeit, Probleme zu lösen.“

Längst hat Gilissen, Vater von drei Töchtern, T-Shirts und Jogginganzüge hinter sich gelassen. Begleitet von einem Auswahlgremium, holt er junge Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt nach Lanaken. Sie werden dort jeweils vier Wochen lang gefördert und erhalten die Chance, von Lebens- und Materialkosten befreit zu arbeiten, ihre geheimsten Gedanken umzusetzen – unzensiert, schräg und spektakulär.

Treff der Nationen: Anna aus Russland (v.li.) Szahara aus dem Iran und Yorjander aus Kuba genießen den Austausch in Lanaken. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Man sieht es dem Ort nicht an, selbst dann nicht, wenn man auf dem Parkplatz an der Van Kerckemstraat 24/2 in Neerharen-Lanaken angekommen ist. Ein dezenter dunkler Zaun, weiße Mauern, ein Hinweisschild: „Glo’Art“, das „O“ hüpft ein bisschen, es trägt Pink und deutet an, dass es hier alles andere als bieder zugeht, denn das Global Art Center bietet auf dreieinhalb Hektar Land ein abenteuerliches Spektrum moderner Kunst. Futuristische Gebäude, breite Glasfronten, eine große Lobby, edles Design bieten den Rahmen einer Schau, die beständig wächst und wächst.

Sachlich-geometrisch wird der Besucher über weiße Steinfliesen, gesäumt von Kies und Wasser, hineingelockt in eine wilde Welt. Da plätschern im Grün kleine Bäche, leuchten überall geheime Lichter, hört man Klänge. Mit Golfwagen oder zu Fuß kann man sich auf den Weg machen, der an jeder Biegung neue Überraschungen garantiert. Bei der Gestaltung wurden die hohen Nadelbäume, Büsche und natürlichen Geländeeigenschaften geschickt integriert, manchmal umgeformt. Häufig lässt sich kaum noch unterscheiden, was Natur und was Bühnenbild für dramatische Geschichten ist – erzählt von Künstlern aus der ganzen Welt.

In malerischen Laubengängen hängen Gemälde und Fotoarbeiten – gut geschützt in ihren Klima-Rahmen, die verhindern, dass Temperaturschwankungen oder Feuchtigkeit der Kunst schaden. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Seit 2013 betreibt Gilissen hier sein Förderprogramm und war seitdem aufmerksamer Gastgeber für über 300 Stipendiaten aus 60 Ländern. „Wir bezahlen ihnen alles, auch den Flug. Das Global Art Center ist inzwischen eine Stiftung, die man im Ausland kennt“, betont Gilissen. Was im Center erschaffen wird, bleibt dort und wird Teil der gigantischen Ausstellung.

„Wir haben so viel Hilfe, das ist das kein Problem“, versichert die Russin Anna Hoffmann. „Wir dokumentieren schließlich, was wir schaffen.“ Ihr kubanischer Kollege Yorjander Capetillo und die Iranerin Szahara Yazdani Nia nicken zustimmend. „Wir reden, lachen, kochen miteinander, tauschen uns aus, inspirieren uns“, sagt Szahara. Seit die Ateliers und Appartements für jeweils zehn Kunstschaffende pro Fördereinheit fertiggestellt sind, wird hier heftig gezeichnet, gemalt, gehämmert, modelliert, sogar gewebt und experimentiert.

Zarte Poesie: Fantasie und Natur verbinden sich bei „Glo’Art“ zu faszinierenden Kunstwerken, die sogar leuchten können und märchenhafte Fantasie ausstrahlen. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Die großen Glasfenster der Ateliers wirken einladend. Die Türen im spannenden Labyrinth sind nicht verschlossen. Es gibt schmale Gänge hinter unscheinbaren Eingängen, hinter denen sich die Werkstätten der Bildhauer verbergen. Dort klettern Alexander Gorynov und Konstantin Filippov akrobatisch auf einem raumhohen Gerüst herum, um ihre Skulptur zu modellieren: Ein gewaltiger Bär kämpft mit einem Tiger. „Ein Motiv, das unser Land betrifft“, sagen sie. „Für uns spricht dieses Werk.“ Wenn sie fertig sind, wird das Gilissen-Team die Werke in örtlichen Firmen gießen lassen. Unter anderem Stahl, Bronze, Polyester oder Fiberglas kommen zum Einsatz.

Rund 1600 Kunstobjekte gehören zum Park. Kurvige Laubengänge sind wie die Flure eines Schlosses „dekoriert“. Großformatige Fotografien hängen unter freiem Himmel. Was passiert in Herbst und Winter? Bei Regen, Kälte und Schnee? Im Sommer bei Sonne und starker Hitze? „Kein Problem, wir denken da an alles“, lächelt Gilissen. Die Rahmen sind hochwertige, wasserdichte Klimaboxen, die allen atmosphärischen Schwankungen standhalten und die Bilder schützen. Rundum bewegt man sich – ohne es zu bemerken – in einer komplett digitalisierten Welt. „Hier auf meinem Smartphone habe ich den gesamten Park“, tippt Marcel Thimister, Technischer Manager des Global Art Centers, auf sein  Display mit bunten Symbolen.

Wenn er will, versiegen die Quellen, wird es dunkel und still, denn sanft eingespielte Klangwellen, Lichteffekte und selbst plätschernde Wasserfälle werden von ihm gesteuert. Wo es mit dem Bodenbewuchs nicht klappt, wuchert ein künstlicher Pflanzenteppich, darin Hortensien oder Büsche, die man selbst auf den zweiten Blick noch für echt hält. Über alpines Geröll rieselt ein Bach, in dem eine stolze Antilope steht – sie ist blaugrün, wie einem Science-Fiction-Tierpark entsprungen. Auf der anderen Seite ringt ein nackter Held mit einem mächtigen Adler.

Gewaltiger Bär: Konstantin Filippov bei der Arbeit an der Skulptur zum Thema „Russland“, die später auch im Global Art Center zu sehen sein wird. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Im Global Art Center dürfen sich die Stipendiaten ausprobieren. Körperlichkeit ist für viele ein Bereich, in dem sie lustvoll experimentieren und dabei Selbsterforschung bis zur Schmerzgrenze betreiben. Da findet sich höchste Ästhetik neben Skurrilem und Morbidem, Wunder der Schönheit neben genialer Hässlichkeit, abgründige Seelenwelten und Alpträume. In abgedunkelten Pavillons widmet man sich speziellen Themen, fotografischen Gestaltungsmöglichkeiten etwa, die das Dunkel brauchen, verspielten Szenarien, die für die Zirkusarena geeignet wären.

Dann wieder tritt man hinaus unter die Bäume und erreicht einen Platz, wo ein metallischer Radfahrer gerade im Rasen versinkt. und wo gläserne Schmetterlinge an riesigen blauen Blumen naschen. Wo bunt bemalte Kühe weiden, finden sich im Gebüsch Pilze mit boshaften Grimassen, Märchengestalten, die aus dem Ruder laufen und die sich ins Alice-Wunderland geschlichen haben. In einer kleinen Laube steht ein Laufsteg, umrundet von Vitrinen, die an die Gefrierkammern eines Raumschiffes erinnern. Dort werden die Träume der Modedesigner auf weißen Puppen konserviert. Im Global Art Center Lanaken gibt es nichts, was es nicht gibt.

Was bisher unverkäuflich war, soll ab 2020 verhandelbar sein. Willy Gilissen will keine museale Einrichtung schaffen, sondern eine fantastische Welt, in der jeder seinen Platz hat, in der  künstlerische Techniken präsentiert werden und Menschen über die Kunst einander begegnen. „Er ist ein bisschen wie ein André Rieu der Kunst, einer, der Barrieren abbaut“, sagt einer seiner Mitarbeiter und lächelt. Gilissen widerspricht nicht.