Fotoausstellung: Durch die Augen eines Entdeckers

Fotoausstellung : Durch die Augen eines Entdeckers

Wie sieht ein 22-jähriger US-Soldat Europa in den 50ern? Fotos von Bill Perlmutter im Centre Charlemagne zeigen es. 22 war Perlmutter, als er 1954 als US-Soldat nach Deutschland kam. Zwei Jahre war er hier stationiert, statt einer Waffe trug er eine Rollei-Kamera mit sich herum. Sein Auftrag: Für Magazine der US-Armee festzuhalten, wie sich Deutschland knapp zehn Jahre nach Kriegsende gemacht hatte.

Ein älterer Herr, auf einen Gehstock gelehnt, steht auf einem Platz. Hut und Jacke lassen die Szene in Süddeutschland verorten. Über seiner Oberlippe prangt ein fast quadratischer dunkler Schnäuzer. Vor ihm steht ein Schäferhund, der offensichtlich nicht zu ihm gehört – die Leine führt zu einer Person am Bildrand. Hinter einem Rücken reckt ein Kind die rechte Hand in die Luft, um den Hund zu streicheln. „Hitler Look­alike“ hat der Fotograf das Bild betitelt. Es vereint elegant alles, wofür Bill Perlmutters Arbeiten stehen: ungestellte Staßenszenen, festgehalten in dem Moment, in dem sich aus den einzelnen Komponenten eine Komposition ergibt. Perlmutter hatte kurz zuvor sein Fotografiestudium abgeschlossen und begab sich nun auf seine erste Reise außerhalb der USA.

Mit „Through a Soldier’s Lens“ begibt sich auch das Centre Charlemagne auf neues Terrain: Es ist die erste Fotoausstellung, die das Stadtmuseum am Aachener Katschof zeigt. „Und dann gibt es nicht einmal Fotos von Aachen zu sehen“, sagt Frank Pohle, Leiter der Route Charlemagne. Eine doppelt ungewöhnliche Ausstellung also. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit dem Suermondt-Ludwig Museum. Weil das noch einige Monate saniert wird und so lange geschlossen bleibt, war Suermondt-Kuratorin Sylvia Böhmer am Katschhof tätig. Schon lange liebäugelte sie mit einer Perlmutter-Ausstellung. „Das Interessante ist, dass Perlmutter überhaupt keine Vorkenntnisse von Europa hatte“, sagt sie. „Alles, was er von Europa kannte, kannte er aus Filmen und Büchern.“

Zeitzeugen statt Ereignisse

Zwar besuchte der junge Soldat auch die ehemaligen Konzentrationslager, legte seinen Fokus aber nicht auf die Geschichte und die Zerstörung, sondern darauf, wie die Menschen es sich in ihrem Alltag wieder eingerichtet hatten. Während seines Urlaubs reiste er nach Frankreich, Spanien, Italien und Portugal. Und revidiert einige Vorurteile. „Ich wuchs in dem Glauben auf, dass alle Italiener Spaghetti mit roter Sauce essen würden und die Frauen alle schwarz gekleidet wären“, schrieb Perlmutter. Während die Welt auf seinen Aufnahmen aus Deutschland und Paris schon wieder ganz in Ordnung zu sein scheint, sieht die Situation in Südeuropa anders an. Seine Bilder zeigen auch Armut und Entbehrung in Portugal und ein Spanien, das unter dem Franco-Regime litt. Doch egal, ob sie schuftende Fischer an der portugiesischen Küste, ein altes Pärchen in einem Pariser Park oder einen beleibten, griesgrämigen Polizisten in Madrid abbilden: Immer ist Perlmutter nah dran an seinen Pro­tagonisten. Er zeigt die Zeitzeugen, nicht die Ereignisse: Statt der Parade die Zuschauer am Straßenrand, statt der ankommenden Soldaten die neugierige Kinderschar. Humorvoll kommentiert der Fotograf durch Titel oder geschickte Bildschnitte wie bei „Hitler Lookalike“.

„Er ist mit großer Sympathie und Empathie auf die Menschen zugegangen“, sagt Kuratorin Böhmer. Deshalb öffneten sich ihm die Menschen. Besonders gut scheint das bei Kindern funktioniert zu haben. Zwei Jungs auf einem Feldweg zünden stolz einen Zigarettenstummel an, den sie von den GIs bekommen haben, Kinder in Rom, Paris und deutschen Städten schneiden Grimassen. Immer schafft Perlmutter es, einen Moment abzupassen, in dem der Gesichtsausdruck, die Körperhaltung eine Geschichte erzählen.

Bill Perlmutters „Hitler Lookalike“ aus dem  Jahr 1956. Foto: ZVA/Harald Krömer

80 Fotografien zeigt die Aachener Ausstellung, geografisch geordnet. Die Arbeiten stammen größtenteils aus der Sammlung der Galerie Hi­laneh von Kories in Berlin, den Rest hat Perlmutter selbst, der in New York lebt, beigesteuert. In der Berliner Galerie waren seine Arbeiten vor fünf Jahren zu sehen, „Europe in the Fifties“ ist nun die erste Ausstellung in einem deutschen Museum.

Perlmutter war im Auftrag des amerikanischen Militärs hier. Welche Bilder später tatsächlich in den Magazinen abgedruckt wurden, darüber liegen keine Dokumente vor. Man wollte wohl vor allem zeigen, wie gut Deutschland sich mit dem Marshallplan erholt hat. Möglich also, dass durch die Linse des Soldaten ein nicht realistisches Bild von Europa in den 50ern entstanden ist. Aber ein liebevoller Querschnitt der Menschen, die Europa bevölkerten, ist es geworden. Und die Dokumentation des ganz persönlichen Abenteuers eines jungen Mannes.