Kunst und Experimente: "Neue Wilde" im Ludwig Forum

Ausstellung im Ludwig Forum : Kunst und Experimente: Die „Neuen Wilden" in Aachen

Glaubt man der Überlieferung, dann hat Wolfgang Becker seinen Kampfbegriff gar nicht so gemeint. Damals, im Jahr 1980, als er die „Neuen Wilden“ für eine Ausstellung in Aachen erfand, die aktuelle künstlerische Strömungen vereinen sollte. Doch weniger die Namen, sondern vielmehr das gewaltige Spektrum des Ausdrucks steht im Fokus der Schau „Die Erfindung der Neuen Wilden – Malerei und Subkultur um 1980“, die am Donnerstagabend eröffnet wird.

Glaubt man der Überlieferung, dann hat Wolfgang Becker seinen Kampfbegriff gar nicht so gemeint. Damals, im Jahr 1980, als er die „Neuen Wilden“ für eine Ausstellung in Aachen erfand, die aktuelle künstlerische Strömungen vereinen sollte und deren Protagonisten – zumindest in der Definition des Leiters der „Neuen Galerie“ – eigentlich bereits ordentlich etabliert waren. Weder Markus Lüpertz, A.R. Penck oder Jörg Immendorf gehörten wirklich dazu, stehen aber dennoch bis heute Pate für eine der letzten großen künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Die wahren „Neuen Wilden“ jener Zeit, meinen die Macher einer neuen Ausstellung im Aachener Ludwig Forum, das waren Peter Bömmels, Martin Kippenberger oder Jirí Georg Dokoupil. Doch weniger die Namen, sondern vielmehr das gewaltige Spektrum des Ausdrucks steht im Fokus der Schau „Die Erfindung der Neuen Wilden – Malerei und Subkultur um 1980“.

Der von Becker seinerzeit gewählte Ausstellungstitel entwickelte sich zum Sammelbegriff für das Schaffen einer zunächst eher heterogenen Gruppe experimentierfreudiger und durchaus die Provokation schätzender Subkultur-Vertreter, die sich womöglich kaum selbst als Künstler definiert haben, „zumindest am Anfang nicht“, sagt Benjamin Dodenhoff beim Rundgang durch die Ausstellung. Gemeinsam mit Ramona Heinlein hat er sie kuratier, die zugleich das Ergebnis einer akribischen Forschungsreise ist: „Wir haben verschiedene Vertreter besucht, ihre Geschichten gehört und in ihren Archiven gesucht“, sagt Heinlein. Das Ergebnis der Forschung soll im Winter als vertiefender Katalog zur Ausstellung erscheinen – prominente Gastautoren und Zeitzeugenberichte inklusive.

Großformatige Bilder, Plattencover, experimentelle Fotografie, Filmschnipsel, Performance-Videos – die Vielfalt der Umsetzung kreativer Wildheit ist bemerkenswert. Punk-Ästhetik und -Ethos schwingen an vielen Stellen mit, der „Do it Yourself“-Gedanke (etwa: mach dein eigenes Ding) spülte in jenen Jahren auch solche Protagonisten ins Rampenlicht, die weder künstlerische Vorbildung noch eine klare Vorstellung von dem hatten, was sie schaffen wollten. „Es ging vor allem darum, überhaupt etwas zu schaffen. Was genau, war zunächst mal egal“, sagt Dodenhoff.

Rund 300 Exponate zählt die Ausstellung, darunter sind etliche großformatige Werke aus der Sammlung von Peter und Irene Ludwig, die den Rahmen für die dokumentarhafte Werkschau der „Neuen Wilden“ bilden. Neben bis dato in der Kunst ungeahnten Einflussfaktoren wie Subkulturen oder Großstadtrealitäten werden auch die diversen Verwicklungen, Annäherungen und Kooperationen der Protagonisten quer durch Deutschland in Szene gesetzt. Der vermeintliche Dilettantismus wird geadelt: Was dem gemäßigten Publikum als unsäglicher Lärm, missglückte Schmiererei oder verwackelter Irrsinn vorgekommen sein muss, entwickelt sich in der Zeit um 1980 zur Erfolgsgeschichte – Abrechnung mit dem Minimalismus und der Konzeptkunst inklusive.

Die vielfältigen Betätigungsfelder lassen sich im Ludwig Forum neben mehr oder weniger direkter Kunst auch auf eher abseitigen Pfaden nachweisen. Ob in der Kölner Malerkommune „Mülheimer Freiheit“, zur Hochzeit des Berliner Punkclubs S036 oder bei der Gründung der bis heute existenten Musikzeitschrift „Spex“ waren „Neue Wilde“ beteiligt.

Ein weiterer erhellender Moment der Schau: Frauen spielten weder in Beckers früher Ausstellung noch beim späteren krachenden Einschlag der Bewegung auf dem Kunstmarkt eine Rolle. „Dabei gab es sie, und wir zeigen sie“, sagt Heinlein. Schließlich haben Frauen wie Bettina Semmer oder Anne Jud hren Platz in der Historie einer Bewegung, die nicht zuletzt dank der griffigen Worte von Wolfgang Becker zu ihrer heutigen Bedeutung gefunden hat.