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Aachen: Künstler behandelt schwieriges Thema in der Aachener Volkshochschule

Aachen : Künstler behandelt schwieriges Thema in der Aachener Volkshochschule

Es ist das schiere Grauen, das sich verbindet mit entsetztem Staunen darüber, was in einer westeuropäischen Demokratie noch in den 60er Jahren — in Einzelfällen noch bis in die 80er Jahre hinein — möglich war und auch staatlicherseits hingenommen wurde: Ungetauft gestorbene Kinder werden ihren Müttern weggenommen und an entlegenen Orten anonym in der Erde verscharrt.

Der Grund: Ein Kind ohne Taufe sei mit der Erbsünde beladen und dürfe deshalb nicht in geweihter Erde bestattet werden. Darüber berichten die Leiterin der Aachener Volkshochschule, Beate Blüggel, und Claudia Franken von der Studiengalerie der VHS. Anlass: die Ausstellung von Werken des Kölner Malers René Böll, die am Mittwoch, 6. Juni, eröffnet und von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet wird (siehe Infobox).

„Schattenlandschaften — Verborgene Heimstätten ungetaufter Kinder in Irland“ hat Böll diese Bilderfolge aus häufig impressionistisch anmutenden Ölgemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Tuschen genannt, auf denen zum Beispiel Grabhügel zu erkennen sind, Wortzeichen, stilisierte Porträts oder auch mystische Landschaften.

„Der Künstler schreitet für uns malend die Orte ab, die eigentlich nicht sichtbar und nicht bezeichnet sind“, sagt Franken. „Betrachtet man Bölls Bilder genauer, stellt man fest, dass darauf immer wieder kleine, oft eigentümlich kraftlos wirkende Figuren zu erkennen sind; in ihrer Darstellungsweise können sie erschreckend wirken oder auch Mitleid erregen.“ Böll hat auch Gedichte zu diesem Kapitel katholischer Unbarmherzigkeit geschrieben und wird sie am 9. Juli in Aachen vortragen.

Schon als ganz junger Mensch ist Böll auf dieses Thema gestoßen, weil er häufig mit seinen Eltern, dem Schriftsteller Heinrich Böll und dessen Frau Annemarie, in Irland war. „Zwischen Selbstmördern, Mördern und tot angeschwemmten Seeleuten wurden die toten Neugeborenen nachts an versteckten Orten ohne Grabsteine unter Erdhügeln vergraben“, sagt Böll. „Die Väter, männliche Verwandte oder Nachbarn nahmen das in die Hand. Diese Orte waren den meisten Iren unbekannt.“

Über diese als solche nicht erkennbaren Friedhöfe wurde nach Bölls Erfahrung damals nicht gesprochen. Es ist, als ob diese Kinder nie existiert hätten — und mehr noch: Nach der über Jahrhunderte geltenden katholischen Kirchenlehre drohte Ungetauften die ewige Verdammnis. Das heißt: Sie mussten zwar keine Höllenqualen leiden, würden aber auch nie in den Himmel kommen.

„Die Kirche kam von dem Grundgedanken der Erbsünde nicht los. Aber das ist nun Gott sei Dank überwunden“, sagt Karl Allgaier, Direktor der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen, die bei der Ausstellung und dem Rahmenprogramm mit der Aachener VHS kooperiert.

Wie ist es möglich, dass in Irland — seit 1973 Mitglied der Europäischen Union — noch vor rund 40 Jahren geduldet wurde, tote Babys derart zu misshandeln? „Die Kirche war ungeheuer mächtig und bestimmte das gesellschaftliche und politische Leben in Irland“, sagt Böll.

Die irische Kirche habe mittlerweile einige der anonymen Friedhöfe gesegnet. Laut Allgaier tut sich die katholische Kirche häufig schwer, den Kurs zu ändern. Dass Ungetaufte Gott nicht schauen können, war zwar nie ein Dogma, galt aber über Jahrhunderte als katholischer Lehrsatz, den erst 2007 der damalige Papst Benedikt XVI. für obsolet erklärte.