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Aachen: Krönungssaal ganz im Banne der Rhythmen

Aachen : Krönungssaal ganz im Banne der Rhythmen

Zum großen Finale des kurzen Konzerts standen 750 Menschen, die ganz bestimmt keinen Afrikaner in ein Flüchtlingslager stecken würden, und schwenkten die Arme im Rhythmus einer Musik, die in den Aachener Krönungssaal passt wie eine Violinsonate in die Turnhalle.

„Es war nicht einfach, Youssou NDour zu einem Auftritt in diesem Raum zu bewegen”, räumte auch Oberbürgermeister Jürgen Linden ein, der soeben „einem der bedeutendsten Künstler Afrikas einen der weltweit wichtigsten Preise im Bereich der Musik und der Kultur” überreicht hatte.

In der Tat, für den Unesco-Musikpreis hätten die Auslober und Sponsoren schwerlich einen geeigneteren Kandidaten finden können. Youssou NDour ist der Vorzeigekünstler Afrikas schlechthin.

Undenkbar, dass er je zur Zigarette, geschweige denn zu Schlimmerem greifen würde. Sanft und von einnehmender Höflichkeit, bewegt sich der 45-Jährige, der seit seinem 16. Lebensjahr professioneller Musiker ist, in anderen Dimensionen als europäische oder amerikanische Idole, die uns eher durch die Einbrüche in ihren Biographien näher kommen.

Youssou NDour ist, wie fast alle seine senegalesischen Landsleute, Muslim, und er kehrt in Wort und Tat die fröhliche, die tolerante und die soziale Seite des Islam und der traditionellen Familienbindungen in Afrika hervor. „Wir sind ökonomisch ein armer Kontinent, aber wir sind reich. Es gibt viele unglückliche Kinder in Afrika, aber es gibt auch glückliche, und die sind vielleicht sogar glücklicher als die Kinder in Europa.”

NDour steckt eine Menge seines als internationaler Popstar reichlich verdienten Geldes in verschiedene soziale Projekte, um der Jugend seines Landes zu helfen, Wissen zu erwerben. Er versorgt ganze Dörfer im Senegal, einem Land von 60 Prozent Analphabeten, mit einem Internet-Zugang.

Nicht zuletzt für solches Engagement bekam er den Preis. Doch in erster Linie ist Youssou NDour nun einmal Popmusiker und dazu einer, dem seine Texte wichtig sind, die man im Konzert natürlich gar nicht verstehen kann. Immer wieder geht es deshalb um die Probleme des uneinheitlichen Afrika, aber auch seine Schönheit, um Umweltskandale, um (maßvolle) Kritik an Politikern, um die Rechte der Frauen.

Und nicht zuletzt um seine Mutter, eine bekannte Persönlichkeit im Senegal, über deren Kochrezepte er sogar ein gerade auf deutsch erschienenes Buch veröffentlicht hat. Warum seine Mutter eine so große Rolle in seinen Liedern spiele, wollte einer auf der Pressekonferenz wissen. „Für Afrikaner ist das nicht erstaunlich”, sagte NDour, „in unseren Liedern geht es um Realität. Und die Beziehung von Mutter und Kind ist sehr eng bei uns. Ihr Europäer singt mehr von romantischer Liebe”.

Auch darüber kann man nachdenken bei einem Künstler, der es schafft, mit dem Image eines makellosen Saubermanns und einer unvergleichlich schönen Stimme europäische Skeptiker mit einer Musik hinzureißen, die eigens für unsere Hörgewohnheiten eingeebnet wird.

Im Krönungssaal des Aachener Rathauses gaben Youssou NDour und seine Band Super Etoile gekürzte und geglättete Versionen von Songs, die sich auf den in Afrika umlaufenden Musikkassetten ziemlich anders anhören. Afrika näher bringen, heißt eben auch, es konsumierbar machen.