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Aachen: Kopflose Gestalten haben skurrile Ideen

Aachen : Kopflose Gestalten haben skurrile Ideen

Viele Freunde und Fans hat das Do-Theatre aus St. Petersburg bereits mit seinen bizarren bildersatten Produktionen „Die Anatomie des Dr. Tulp” und „Birds eye view” gewonnen.

Jetzt trat die russische Tanz-Compagnie zum dritten Mal in den Kammerspielen auf. Nach einer Idee des Compagnie-Chefs Evgeny Kozlow ist eine faszinierende Performance entstanden, tänzerisch wie akrobatisch durchkomponiert, voller skurriler Überraschungen und verblüffender Wendungen.

Die raffinierte Lichtregie von Alexander Bondarev taucht die kleine Bühne in warme Farben und düstere Schatten. Joseph Haydn, der berühmte Komponist der Wiener Klassik, trifft hier auf den russischen Dichter Daniil Charms, besser gesagt auf dessen doppelbödige, wunderbar absurde Geschichten.

Kopfloser Haydn

Kuriose kopflose Gestalten erinnern an die wahre und aberwitzige Geschichte, wie der tote Haydn seinen Kopf verlor - durch einen selbst ernannten Hirnforscher, der den frisch bestatteten Komponisten wieder ausgrub und ihm das Haupt absägte. Und natürlich an Charms, dessen Figuren alle möglichen Körperteile einbüßten und der selbst als Opfer der stalinistischen Willkür im Gefängnis starb. In „Nonsense” verbinden sich all diese Assoziationen zu einem magischen Reigen, kongenial verflochten mit Matthias Hermanns Haydn-Einspielungen und Arrangements.

Frauenkörper streichelnde Geigenbögen, laszive Gliederpuppen mit Rokoko-Perücken und in lachsroten Reifröcken, die überraschenderweise die Kehrseite „bloßlegen”, ein fassungsloser Haydn-Kopf, der von finsteren Doktoren oder Ideologen aus seinem virtuellen Guckkasten „befreit” wird.

Keineswegs nur vergnüglicher Unsinn, vielmehr in einigen grandios-grotesken Spiegel-Szenen auch der paradoxe Aberwitz von Systemen, die den „neuen Menschen” erschaffen wollen.

Die suggestiven Bilder dieses virtuosen „Körpertheaters” brennen sich buchstäblich in die Netzhaut ein. Hinreißend die kopflosen „Macht-Haber” oder der enthauptete Haydn, der mit Spitzenkragen um den Hals herumspaziert.

Eine großartige Ensemble-Leistung von Evgeny Kozlov und seiner Frau Irina Kozlova, Alexander Bondarev, Julia Tokareva und Shinichi Momo-Koga.

In burlesken bis bedrohlichen Szenarien entwickeln die fünf Tänzer eine anarchische Komik, die zuweilen fast unheimlich wirkt.

Lustvoll verwirrend, sehr schwarzhumorig und temporeich präsentiert das Petersburger Do-Theatre seine erfolgreiche Mixtur von innovativem Theater und imponierender Körperbeherrschung - eine grandiose Mischung, die das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss.

„Nonsense”, Do-Theatre St. Petersburg, Kammerspiele, Theater Aachen, am 28., 29. und 31. Januar, jeweils 20 Uhr.

Karten in allen Zweigstellen unserer Zeitung. Info 0241/5101192.